Vor kurzem konnte man von zwei gegensätzlichen Schulen unter den Couturiers, nämlich den "Jungen" und den "Alten" sprechen. Heute hat sich die Scheidelinie verwischt: Die Unvergänglichen unter den "Alten" (und seit langem Etablierten), Coco Chanel und Christobal Balenciaga führen noch immer das Zepter; die meisten Einkäufer wagen kein endgültiges Urteil, ohne Balenciaga, Chanel und Givenchy gesehen zu haben. Andere Salons, die ebenfalls eine ruhmreiche Vergangenheit haben wie Jacques Heim, Nina Ricci und Jeanne Lanvin, kann man nicht mehr zu den "Alten" zählen, denn sie haben jungen Modellisten Arbeit und Entscheidung übertragen. Obwohl diese Couturiers frei schaffende Entwerfer sind, bindet sie doch der Name ihres Hauses an ein gewisses, vom Gründer festgelegtes "Image", wie Marc Bohan an das Christian Diors.

Daß sich das Talent eines Modellschöpfers in allen seinen Facetten ungehemmt entfalten kann, setzt voraus, daß er Herr in seinem eigenen Hause ist – wie bei dem jüngsten der Pariser Schneider, Yves St. Laurent. Er hat sich nach vielen Irrungen, nach Fehlschlägen und Triumphen seinen Namen, sein "Image", in beiden Hemisphären, gemacht.

Nur etwa ein Jahrzehnt älter, aber nicht weniger eigenwillig und konzessionslos ist Pierre Cardin, der vielleicht zu viele Eisen im modischen Feuer hat, als daß er – wie man glaubte – die souveräne Führung übernehmen könnte. Wie sich die beiden Neulinge Courrèges, ein Schüler von Balenciaga, und Philippe Venet, der ehemalige Assistent von Hubert de Givenchy, im Moderennen plazieren werden, läßt sich nur erraten. Beide gelten als aussichtsreiche Favoriten, die ihre Ideen dem Leben von heute entnehmen und dabei die Forderung nach zeitgemäßer Einfachheit und meisterhafter Verarbeitung nicht unterschätzen.