Von Theo Löbsack

Erdöl, so sagt eine gängige These, ist organischer Herkunft. Es hat sich aus Ablagerungen winziger Tier- und Pflanzenleichen gebildet. Vor allem Meeresplankton soll es gewesen sein, das auf den Grund flacher Wasserbecken niedersank und dort als Faulschlamm von anaeroben (ohne Sauerstoff lebenden) Bakterien zu Fettsäuren abgebaut wurde. Die Fettsäuren haben anschließend eine bakterielle Gärung durchgemacht und sind dank katalytischer Vorgänge in das feste Rohmaterial des Erdöls überführt worden: das sogenannte Bitumen.

Die These besagt weiter, daß das Bitumen – vermutlich wieder mit der Hilfe von Bakterien – zu Kohlenwasserstoffen verflüssigt wurde, und diese dann, dem Druck der Erdkruste nachgebend, durch Gesteinsspalten nach oben wanderten. Schließlich haben sich die Kohlenwasserstoffe an dafür günstigen Stellen, den sogenannten ölfallen, gesammelt, und hier trennten sich schließlich Erdgas, Öl und Wasser voneinander. So entstanden die Erdöl-Lagerstätten.

Nach dieser Theorie also konnte es Erdöl erst geben, nachdem Lebewesen auf der Erde waren, die nach ihrem Tod den ölbildenden "Kadaver-Sirup" erzeugten.

Die Frage ist nun, ob nicht auch der andere Weg denkbar ist: War vielleicht zuerst das Erdöl da und haben sich die ersten Lebewesen aus ihm entwickelt?

Tatsächlich gibt es Hinweise dafür, daß das Erdöl oder seine Vorstufen in der Tiefe der Erde durch bestimmte geochemische Vorgänge unter hohem Druck entstanden sein könnte und anschließend in seine jetzigen Lagerstätten gewandert ist. Hier und da ist es dann an die Oberfläche gedrungen und zum Ausgangsmaterial jener komplexen Verbindungen geworden, aus denen später die ersten Lebewesen entstanden sind.

Hypothesen, nach denen das Erdöl einen anorganischen Ursprung hat, wurden schon im vorigen Jahrhundert aufgestellt, zum Beispiel von dem russischen Forscher V. Sokolow. Andere Wissenschaftler haben sie weiter entwickelt, doch die Theorie geriet bald in Mißkredit, weil sie noch mehr "wunde Punkte" hatte als die organische Hypothese. Warum, so lautete ein Argument, soll Erdöl unter gewaltigem Druck und hoher Temperatur in der Tiefe entstanden sein, in einem höchst komplizierten, von einer Kette günstiger Umstände abhängigem Vorgang, wenn sich der Prozeß, ausgehend von organischen Substanzen, zwar nicht lückenlos, aber doch unter weniger "gesuchten" Voraussetzungen erklären läßt; zum Beispiel braucht man nicht so hohe Druck- und Temperaturwerte anzunehmen.