FÜR nüchterne Liebhaber des Sonderbaren – Fritz Baumgart: "Renaissance und Kunst des Manierismus"; Kunstgeschichte, Deutung, Dokumente, Verlag DuMont Schauberg, Köln; 232 S., 73 Abb., 11,80 DM.

ES ENTHÄLT eine kritische Überprüfung des Stilbegriffes Manierismus, der sich in den letzten Jahrzehnten immer stärker durchgesetzt hat, um bestimmte Kunsttendenzen des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts zu kennzeichnen, bis er schließlich so ausgeweitet wurde, daß alles Anti-Klassische darunter fällt. Baumgart stellt demgegenüber die These auf, daß die Renaissance nicht einfach mit kanonischer Klassik gleichzusetzen ist, sondern daß sich innerhalb eines sehr weiten Rahmens sehr verschiedenartige originelle Begabungen entfalteten, bei denen es nur in Einzelfällen sinnvoll ist, von Manieriertheit zu sprechen. Eine Stilepoche mit bestimmten Seelencharakteristika, welche die Renaissance abgelöst hätte, kann er nicht erkennen. Der Nachweis wird an Hand von Einzelinterpretationen von Werken großer Renaissancekünstler und sogenannter Manieristen geführt.

ES GEFÄLLT, weil es dem herrschenden Hang zu Verallgemeinerungen entgegentritt, die beliebte Mythenbildung um Stilbegriffe kritisch widerlegt und die Überdosierung mit Seelischem (von der Dämonie bis zur Schizophrenie) durch nüchterne Erklärung aus dem kulturgeschichtlichen Milieu ersetzt. Manchmal schießt der Autor übers Ziel hinaus, aber die Diskussion um seine These wird dazu dienen, dem Phänomen des Manierismus wieder seine rechten Maße zu geben. W. R.