Auch das Undenkbare kann möglich werden. Monatelang lautete die Sprachregelung in Washington und Fontainebleau: Ein Krieg zwischen NATO-Partnern ist undenkbar. Am Sonntag war er zum Greifen nahe. Vom NATO-Stützpunkt Eskisehir starteten 68 türkische Jagdbomber mit Raketen und Napalm-Bomben zu Angriffen gegen griechischzypriotische Stellungen.

Fünfmal in den letzten sieben Monaten hatte der türkische Regierungschef, der 79jährige Haudegen Inönü, auf amerikanisches Drängen die Invasionsflotte im letzten Moment abdrehen lassen. Jetzt wäre eine Invasion kein Spaziergang mehr. 25 000 Milizsoldaten des Erzbischofs Makarios stehen abwehrbereit. Nach westlichen Quellen wurden drei- bis sechstausend griechische Soldaten und 10,5-Haubitzen auf die Insel geschmuggelt. Die Häfen im Nordwesten Zyperns, der einzige Zugang für eine türkische Invasionsarmee, wurden in der vorigen Woche von den erzbischöflichen Truppen fast alle erobert. Als auch die letzte Bastion zu fallen drohte, war es für Inönü Zeit zur "Vergeltung", wollte er sein Prestige nicht noch mehr aufs Spiel setzen. Er befahl eine "begrenzte Polizeiaktion" zur Entlastung seiner hart bedrängten Landsleute.

Athen reagierte ebenso "begrenzt": Vier griechische Düsenjäger, mit Glockengeläut empfangen, übernachteten auf einem Feldflughafen der Insel. Zugleich aber riet Ministerpräsident Papandreou der Regierung in Nikosia zur Feuereinstellung.

Weit weniger besonnen als Athen reagierte der zypriotische Hohe Kommissar, Soteriades, der sich zu dem Ausspruch verstieg, Zypern werde sogar um den Preis eines dritten Weltkrieges für seine Unabhängigkeit kämpfen. Aber weder Russen noch Amerikaner hatten Lust, den Atomknüppel zu schwingen. Zusammen mit dem Weltsicherheitsrat traten sie das Feuer aus. Präsident Johnson beorderte die 6. Flotte ins östliche Mittelmeer, die notfalls die rauflustigen NATO-Brüder zur Räson bringen kann. Chruschtschow schickte statt der erbetenen Militärhilfe für Zypern nur eine Warnung an die Türkei. Sein vernünftiger Einwand, daß sich komplizierte Nationalitätenfragen nicht mit Waffengewalt lösen lassen, galt ebensogut auch für Makarios. Noch scheint Moskau abzuwarten, wo es den größeren politischen Gewinn einstecken kann: in Nikosia oder in Ankara. Eine Türkei, die sich enttäuscht vom Westen abwendet, ist vielleicht noch mehr wert als ein unabhängiges, blockfreies Zypern, wie es die rührigen Kommunisten auf der Insel erstreben.

Als Erzbischof Makaros, gramgebeugt und Tränen in den Augen, die Bombenopfer in Paphos besuchte, rief ihm die Menge zu: "Wir müssen von unseren wahren Freunden Hilfe verlangen – von Rußland." Moskau hat Anhänger genug auf der Insel. Weit über 10 000 Zyprioten haben sich der AKEL, der kommunistischen Partei, angeschlossen, die zwar im Parlament nur fünf Sitze hat, dafür aber Gewerkschaften und Jugendverbände beherrscht. Die Bürgermeister von drei größeren Städten sind Kommunisten. Ist Makarios auch kein "Roter", so macht er sich ihre Agitation doch zunutze, indem er den Abzug aller fremden Truppen proklamiert.

Sein neuerlicher Appell an Moskau war mit Hilferufen an Damaskus, Kairo und Tunis kombiniert. Sicher hat Makarios von den Arabern keine aktive Truppenhilfe erwartet. Aber selbst unter dem Krachen türkischer Bomben verlor er nicht sein nächstes diplomatisches Ziel aus den Augen: eine UN-Debatte, in der sich eine breite afro-asiatische Mehrheit plus Ostblock für das Selbstbestimmungsrecht der Zyprioten ausspricht.

Der provozierende Angriff auf die türkischen Küstenorte paßte schlecht in dieses diplomatische Konzept. Für den Außenstehenden, selbst für die UN, ist es schwer, zu unterscheiden, wer für das Vorgehen der Nationalgarde verantwortlich ist: der Erzbischof, sein Innenminister Georgidjas, General Grivas oder irgendwelche Köpfe mit örtlicher Befehlsgewalt. Wurde Makarios überspielt? Oder hatte er die türkische Reaktion falsch eingeschätzt?