Von Golo Mann

Seit jeher hat man von einem Ausbrechen des Ersten Weltkrieges gesprochen. Für den Beginn des Zweiten hat der Schweizer Historiker Walther Hofer den Begriff der Entfesselung vorgeschlagen und durchgesetzt. Beide Worte sind; nützlich zum Verständnis der Sachen und ihres Unterschiedes.

Nur auf den allerersten Blick bietet sich eine gewisse Ähnlichkeit. 1914 wollten die Österreicher, auch die Deutschen, eine bewaffnete Strafaktion gegen Serbien und hofften, sie könnte lokalisiert bleiben, stellten aber die Möglichkeit bis Wahrscheinlichkeit einer russischen Intervention in Rechnung. 1939 wollte Hitler seinen Krieg gegen Polen und nahm die Möglichkeit einer westlichen Intervention in Kauf, ohne, trotz aller Warnungen, mit ganzem Ernst an sie zu glauben. Serbien fühlte sich der russischen Rückendeckung sicher; andernfalls hätte es wahrscheinlich das österreichische Ultimatum en bloc akzeptiert. Polen fühlte sich der englischen Rückendeckung sicher; andernfalls hätte es vielleicht Ende August kapituliert, was es vielleicht im Moment, aber ganz sicher nicht auf die Dauer gerettet hätte. Hier hört die Parallele schon wieder auf.

Das Österreich des Grafen Berchtold dachte nicht im Traum daran, noch konnte es daran denken, "Lebensraum" zu erobern oder sich auf eine Kette von Kriegen einzulassen. Auch Serbien wollte es nicht erobern, schon allein darum nicht, weil die Magyaren es nicht erlaubt hätten, und wußte überhaupt nicht, was es mit einem geschlagenen Serbien anfangen sollte. Gegenüber der revolutionären, das Mittel des Mordes nicht verschmähenden südslawischen Einheitsbewegung befand es sich in einer echten Staatsnot. Keine andere Großmacht war 1914 weniger expansiv, durch ihre innere Struktur so gezwungen, sich auf Verteidigung zu beschränken, wie die Donau-Monarchie. Es war ein verzweifeltes Defensivunternehmen, zu dem es sich am 7. und 14. Juli entschloß; ein in jedem Fall hoffnungsloses, das tut nichts zur Sache.

Expansiv war das Deutsche Reich. Aber seine imperialen Interessen lagen in Übersee, nicht auf dem alten Kontinent. Es hatte nichts, jedenfalls nichts Greifbares, nichts Vernünftiges mit seinem an sich so wenig vom Erfolg gesegnetem, verspätetem Imperialismus zu tun, daß es im Juli 1914 Österreich stützte und antrieb. Deutschland wollte nicht den einzigen ihm gebliebenen Bundesgenossen verlieren, vielleicht – ein Motiv, das im Juli nur ganz selten im geheimsten anklang – den Ring des russisch-französischen Bündnisses, den es um sich fühlte und der immer stärker zu werden drohte, sprengen oder doch lockern; oder dann, wenn schon Krieg sein mußte, ihn in einem Moment führen, der günstiger wäre als ein späterer, da frühere Momente ungleich günstiger gewesen wären. Mehr nicht. Wo, in den allergeheimsten Dokumenten des Juli, findet sich ein einziges Wort, das auf ein Mehr schließen ließe? Wo etwa die Bemerkung, daß es eigentlich gar nicht um die serbische Gefahr, sondern um Eroberungen gehe? Wo ein Satz, der auch nur im Entferntesten mit diesem zu vergleichen wäre: "Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht. Es handelt sich für uns um Arrondierung des Lebensraumes im Osten ..." Die Unbewußtheit von 1914, das allenfalls heimliche, verdrängte Wirken von Motiven, die gar nicht mitspielen durften, war 1939 durch die äußerste, philosophischschamlose Bewußtheit ersetzt.

1914 wußte niemand, ob Krieg kommen würde, und niemand wollte ihn – die Aktion gegen Serbien, auch erst nach Serajewo gewollt, ist etwas anderes. Aber allgemein wurde angenommen, daß er einmal. "kommen" würde, daß das wechselseitige Sich-Belauern der beiden Allianz-Systeme, verbunden mit dem Wettrüsten, nicht ewig so fortgehen könnte. Der Begriff des Krieges als eines legitimen Mittels zum Zweck gehörte zur Diplomatie wie zum inneren Aufbau der Gesellschaft, in Rußland so gut wie in Deutschland, und in Frankreich beinahe so gut. Daß zum Frieden, sollte heißen zum politischen Handwerk, die ständige Kriegsbereitschaft gehörte, hatte Präsident Poincaré schon in seiner Antrittsrede zu betonen nicht verfehlt; eine trockenere Art zu sagen, was der Kaiser – der den Krieg mehr fürchtete als Poincaré – in Ausdrücke wie schimmernde Wehr und gepanzerte Faust kleidete.

Im Jahre 1913 berichtete der Russe Benckendorff aus London: "Wenn ich Cambons (französischer Botschafter) Unterredungen mit mir, die gewechselten Worte kurz wiederhole und die Haltung Poincarés hinzufüge, kommt mir der Gedanke, der einer Überzeugung gleichkommt, daß von allen Mächten Frankreich die einzige ist, welche, um nicht zu sagen, daß sie den Krieg wünscht, ihn doch ohne großes Bedauern sehen würde." Ein solcher Bericht beweist nichts Präzises, aber beweist etwas für die Stimmungen, die umgingen.