Es sei eigentlich gar nicht sein Ziel gewesen, in den Vorstand der Vereinigten Glanzstoff-Fabriken AG in Wuppertal zu kommen, und schon erst recht nicht, dort zu bleiben, erinnert sich Ernst Hellmut Vits heute, wenn er an den 16. August 1939, an den Tag zurückdenkt, an dem ihn der – ebenfalls neugebackene – Aufsichtsratsvorsitzer Hermann J. Abs mit dem Vorstandsvorsitz des Wuppertaler Unternehmens betraute. "Ich wollte eigentlich lieber im Aufsichtsrat bleiben" (in den er als Vorstandsmitglied der Deutschen Revisions- und Treuhand AG delegiert worden war), aber dann habe es sich doch anders ergeben, meint der Jubilar heute.

Ein Vierteljahrhundert erfolgreicher Unternehmensführung sprechen dafür, daß dieser "Zufall" jedenfalls recht vordergründig war. Ernst Hellmut Vits war 35 Jahre alt, als er sich von seinem Aufsichtsratsvorsitzer "drängen ließ". Sein Bekenntnis, daß man die Leitung eines Unternehmens nur als Lebensaufgabe auffassen könne, hat er dann selbst verwirklicht. Nachdem dem aus protestantisch-theologischem Elternhause stammenden Volljuristen das damals schon bedeutende Wuppertaler Unternehmen in so vergleichsweise jungen Jahren anvertraut worden war, ist Glanzstoff seine Lebensaufgabe geworden; daß sie mit Intelligenz und mit Phantasie gleichermaßen gelöst wurde, läßt sich an der Entwicklung des Unternehmens ablesen.

War es zunächst noch ein Zufall, daß die Geburtsstunde der Synthesefaserproduktion just ein Jahr vor Vits Einzug in die Verwaltungszentrale des Wuppertaler Konzerns geschlagen hatte, so ist es dann eben kein Zufall mehr, daß Glanzstoff bei dem Strukturwandel der Chemiefaserindustrie, der mit den Synthesefasern Nylon und Perlon eingeleitet wurde, in diesem Bereich das mit Abstand führende deutsche Unternehmen ist. Etwa ein Drittel der Synthesefaserproduk:ion in Deutschland entfällt heute – bei sieben Erzeugern – auf Glanzstoff. Das Geschäft des Wuppertaler Konzerns wird in zunehmendem Maße von den Markterfolgen der Synthesefasern bestimmt. Gut 60 Prozent des Konzernabsatzes wurden im vergangenen Jahre von den Syn:hetika bestritten.

Als in den Jahren 1938/39 der amerikanische Chemiekonzern Du Pont de Nemours und die deutsche IG-Farbenindustrie – unabhängig voneinander, aber mit nur geringem zeitlichen Abstand – die ersten vollsynthetischen Fasern Nylon und Perlon produktionsreif gemacht hatten, konnte die 1899 gegründete Vereinigte Glanzstoff-Fabriken AG mit ihren – heute gern als "klassisch" bezeichneten – Textilrohstoffen aus der Retorte schon beachtliche Erfolge aufweisen.

Am Beginn der Glanzstoff-Geschichte standen die Fasern auf Zellulose-Basis Reyon und später Zellwolle. 1935 waren die ersten Versuche zur Produktion von Kordreyon für Reifen, Förderbänder und andere technische Verwendungszwecke angelaufen. Das Wuppertaler Unternehmen war damit nicht nur der erste, es ist heute noch der größte Produzent von Kordreyon; rund 90 Prozent aller in der Bundesrepublik hergestellten Autoreifen haben Gewebeeinlagen aus diesem Glanzstoff-Erzeugnis.

Die frühzeitige Erkenntnis, daß der Syntheseproduktion in der Chemiefaserindustrie die Zukunft gehört, ist das unternehmerische Verdienst des Glanzstoff-Generaldirektors Vits, der seiner Erkenntnis auch rechtzeitig die Tat hat folgen lassen. Noch während des Zweiten Weltkrieges erwarb er im Jahre 1943 von den IG-Farben die Lizenz zur Produktion von Perlon. Als erster deutscher Produzent konnte Glanzstoff daraufhin im Jahre 1950 die Großproduktion von Perlon aufnehmen.

Diesen Vorsprung hat kein anderes Unternehmen der Branche in der Folgezeit aufholen können. Er wurde eher noch ausgebaut, als die ersten Polyesterfäden auf den Markt kamen. Nun schon auf die eigene Forschung gestützt, war Glanzstoff wiederum gleich zur Stelle und erwarb eine Lizenz zur Herstellung von Diolen von der britischen Imperial Chemical Industries Ltd; 1955 lief die Produktion an. Neben dem Diolen von Glanzstoff stehen die Markennamen Trevira von den Farbwerken Hoechst und Terylene von ICI.