In der vorigen Woche haben die Türken einige ihrer der NATO unterstellten Luftwaffenverbände dem atlantischen Oberkommando entzogen; diese Woche taten die Griechen es ihnen nach, indem sie Teile ihrer Land-, See- und Luftstreitkräfte aus dem NATO-Befehlsstrang herausnahmen. Ankara berief sich wie Athen auf jenen Geheimbeschluß des NATO-Militärausschusses, der solche Nothilfe im Hinblick auf Verpflichtungen der Partnerstaaten außerhalb des Vertragsgebietes erlaubt; die Zypern-Krise diente den beiden Mittelmeermächten zur Begründung.

Seitdem ist im Ostblock die Frage zu hören, ob nicht auch die Bundeswehr ihre integrierten Verbände einmal der NATO entziehen könnte, um gen Osten zu marschieren. In der polnischen Parteizeitung Trybuna Ludu ist der Verdacht, daß dies nicht unmöglich sei, am lautesten ausgesprochen worden. Das Warschauer Blatt verstieg sich sogar zu der Folgerung, daß die Deutschen eines Tages aus der geplanten multilateralen Polaris-Flotte ausscheren und einen Teil des MLF-Verbandes als nationale Atomstreitmacht in die westdeutschen Häfen führen könnten. Kaum weniger uninformiert war dann ein paar Tage später die Meldung des Sunday Telegraph, für die MLF stehe eine Kontrollformel zur Debatte, die es theoretisch möglich mache, daß die Bundesrepublik und die USA allein, gegen den Willen aller übrigen Teilnehmer, die gemeinsame Polaris-Waffe einsetzen könnten.

Zunächst zu der Befürchtung der Trybuna Ludu: daß die Bundeswehr der NATO zum unabhängigen Einsatz entzogen werden könne. In der reinen Theorie ist das möglich; es ist der Bundesrepublik jedenfalls in keinem Vertrag oder Zusatzprotokoll ausdrücklich verwehrt. Aber in der Praxis wäre es nicht nur Wahnsinn, sondern völlig undurchführbar. Die Bundeswehr ist keine nationale Armee in herkömmlichen Sinne. Ganz bewußt ist sie als deutscher Beitrag zur nordatlantischen Verteidigungsorganisation aufgebaut worden; unabhängig von der NATO hat sie keine eigentliche militärische Existenz. Sie ist so sehr in das Geflecht der westlichen Verteidigungsgemeinschaft verwoben, daß eine Re-Nationalisierung ganz unmöglich ist. Und zwar aus drei Gründen:

1. Alle deutschen Kampfverbände unterstehen dem atlantischen Kommando, keinem nationalen Oberbefehlshaber. Die operativen Befehle für die Bundeswehr werden bei der NATO ausgearbeitet; es gibt keinen deutschen Generalstab. Die neue deutsche Armee ist vollständig in das Führungs- und Planungssystem der westlichen Allianz eingebaut.

2. Die Bundeswehr ist im Hinblick auf Ausrüstung und Nachschub unabdingbar auf die Verbündeten angewiesen. Fast die Hälfte unseres Rüstungsmaterials beziehen wir von jenseits der Grenzen, darunter die meisten schweren Waffen. Zwei Drittel der notwendigen Versorgungsgüter für den Ernstfall liegen im westlichen Ausland. Die Bundeswehr hängt an den lebenswichtigen Pipelines zu den Atlantikhäfen; ohne Nachschub von Westen könnte sie nur wenige Tage kämpfen. Die Luftwaffe ist ganz auf das NATO-Funkleitsystem angewiesen.

3. Ausbildung und vor allem Gliederung der Bundeswehr sind absolut auf den Verteidigungsbeitrag im Rahmen der NATO abgestellt. Ein selbständiger nationaler Einsatz ist unmöglich. Links und rechts von den deutschen Divisionen stehen andere NATO-Streitkräfte; es gibt längs der Zonengrenze keine deutsche, sondern nur eine national "durchwachsene" Bündnisfront.

Genauso haltlos sind die polnischen Befürchtungen hinsichtlich der geplanten Polarisflotte. Die MLF läßt sich nach den gegenwärtigen Plänen so wenig wieder in ihre nationalen Komponenten aufspalten, wie man ein Omelett in heile Eier zurückverwandeln kann. Das ist überhaupt ihr Charakteristikum: daß sie als multilateraler Flottenverband völlig, "homogenisiert" ist. Die polnische Angst ist unbegründet, daß deutsche Kapitäne mit ihren MLF-Schiffen einfach abdampfen könnten – und täten sie es, so würden, gäbe es vorher keine Meuterei unter den gemischten Besatzungen, ihre Atomraketen unverzüglich durch elektronische Sperrvorrichtungen unschädlich gemacht.