D. B. Singapur im August

Wie hat Peking auf die Schüsse von Tonking reagiert? Abgesehen von den großen Worten, die in alle Welt tönten, hat es nach allen Informationen auch eine Reihe von militärischen Maßnahmen ergriffen. So wurden etwa 150 000 chinesische Soldaten in der Nähe der nordvietnamesischen Grenze zusammengezogen. Auf der Insel Hainan, die der Küste von Tonking gegenüberliegt sind – zusätzlich zu den schon in Nordvietnam stationierten 70 bis 100 MiG 17 – Bomberverbände eingetroffen. In Südchina wurden ausgedehnte Manöver abgehalten. Und im ganzen Land hat man Hunderttausende von Milizangehörigen durch ein intensives militärisches Training gejagt.

Aber dennoch ist nicht daran zu zweifeln: Peking will in Vietnam kein zweites Korea. Schließlich haben die Russen den Chinesen deutlich zu verstehen gegeben, daß sie mit einer gleichsam automatischen Waffenhilfe nicht rechnen können. Die chinesisch-sowjetische Solidarität besteht heute nur noch in der Erinnerung.

Mit ihren jüngsten militärischen Maßnahmen verfolgen die Chinesen offenbar zwei Ziele. Erstens sollen sie den sichtbaren Beweis dafür erbringen, daß Hanois wirklicher Freund in der Stunde der Not nicht Rußland, sondern China ist. Zweitens sollen sie einen weiteren Angriff amerikanischer Flugzeuge oder Kriegsschiffe gegen Nordvietnam verhindern. Denn soviel steht wohl jetzt fest: Bei einer zweiten US-Attacke gegen nordvietnamesische Ziele müßten die chinesischen MiGs eingreifen – und damit käme es zu einem direkten militärischen Konflikt zwischen Amerika und China.

Wenn nun aber eine solche Konfrontation ausbleibt, kann Mao propagandistisch versuchen, die, USA wiederum als einen "Papiertiger" hinzustellen, der durch Pekings "entscheidende Intervention" eingeschüchtert wurde.

Es ist nicht wahrscheinlich, daß die Nordvietnamesen die Siebte Flotte noch einmal herausfordern oder daß sie über den 17. Breitengrad nach Süden vordringen werden. Ihr Oberbefehlshaber, General Giap, gehört zur prorussischen Minorität unter den Führern in Hanoi, und er weiß, daß ein konventioneller Krieg Nordvietnam noch abhängiger von seinem gigantischen chinesischen Nachbarn machen würde.

Insgesamt läßt sich – sieht man es von Asien aus – sagen, daß die amerikanische Aktion den antikommunistischen Kräften einen starken Auftrieb gegeben und jene Prokommunisten und Neutralen sehr durcheinandergebracht hat, die sich bisher häufig nur darum auf die Seite der radikalen Linken geschlagen haben, weil sie glaubten, das demokratische Amerika sei ein harmloserer Gegner als das totalitäre Rußland oder China.