Die sechste gesamtdeutsche Olympiamannschaft, die im Oktober in Tokio auftritt, wird – so wollen es Moskau und Ostberlin, so sagen es aber auch einige westdeutsche Sportfunktionäre voraus – die letzte sein. Nur einmal noch würde dann die schwarzrotgoldene Fahne mit den weißen Olympiaringen am Mast hochgezogen, zum letztenmal, bei einem Sieg, Beethovens "Freude, schöner Götterfunken" gespielt werden. Lediglich die eine Versicherung brachte Willi Daume, der Präsident des Sportbundes und des Nationalen Olympischen Komitees, von seinem Besuch in Moskau mit: Seine sowjetischen Kollegen wollen keinen Antrag auf drei deutsche Olympiamannschaften stellen. Sie werden also auf eine Demonstration der Drei-Staaten-Theorie verzichten und nicht für eine eigene Olympiamannschaft Westberlins eintreten. Von ihrer Forderung nach einer DDR-Mannschaft weichen die Sowjets jedoch keinen Schritt zurück. Nur dieses Zugeständnis machten sie Daume: die neuen Verhandlungen sollen in aller Ruhe und ohne Polemik geführt werden.

Tatsächlich haben die Sowjets und ihre DDR-Partner gute Argumente gegen eine gesamtdeutsche Mannschaft: In dem IOC-Statut ist nicht von Staaten, sondern lediglich von "Territorien" die Rede. Außerdem ist nicht das NOK der Bundesrepublik für das Gebiet der DDR zuständig. Die Entscheidungen werden dort seit 1955 von einem eigenen Nationalen Olympischen Komitee gefällt, wenngleich diese Organisation nur als ein Provisorium anerkannt ist.

Es besteht also kaum ein Zweifel, daß die "andere Seite" rechtlich einwandfreie Gründe hat, wenn sie eine zweite, ihre Mannschaft, zu den nächsten Olympischen Spielen schicken will. Die Politiker sollten hier die Sportler gewähren lassen, zumal es sich mittlerweile herausgestellt hat, daß sich mit einer gesamtdeutschen Mannschaft eben doch keine gesamtdeutsche Politik machen läßt, daß es fast alle Mitglieder des IOC leid sind, sich immer wieder mit den Protesten und Gegenprotesten der deutschen Vertreter auseinandersetzen zu müssen und daß die DDR inzwischen bereits in 42 von 44 internationalen Sportverbänden als vollwertiges Mitglied aufgenommen worden ist.

Obendrein haben die DDR-Funktionäre noch einen anderen Grund, zuversichtlich zu sein: Der Amerikaner Avery Brundage, der heute 77jährige IOC-Präsident, wird bald von seinem Posten zurücktreten. Brundage war es, der die gesamtdeutsche Mannschaft aus der Taufe gehoben hatte: "Mein größter olympischer Erfolg". Sein präsumptiver Nachfolger, der Marquess of Exeter, verweigerte zwar bisher als Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes die Aufnahme des DDR-Verbandes in diese Organisation. Ob er sich indessen – vor allem nach dem Präzedenzfall der beiden zugelassenen Mannschaften von Nord- und Südkorea und ähnlichen Regelungen bei China und Vietnam – zur gesamtdeutschen Olympiamannschaft bekennen wird, bleibt abzuwarten.

Als IOC-Chef, so wird vermutet, wird der Marquess einen anderen Kurs steuern, zumal er sich darauf berufen kann, daß inzwischen auch westdeutsche Verbands-Obere die west-östliche Olympiacrew für eine "Farce" halten: sie trainiert nicht gemeinsam, sie reist nicht gemeinsam zum Austragungsort und hat auch während der Spiele selber kaum Gelegenheit, Gemeinsamkeit zu demonstrieren. Das zeigte sich erst wieder in Innsbruck, wo die DDR-Funktionäre jeden Kontakt zwischen den Sportlern strikt unterbanden.

Willi Daume selber lehnte es ab, über die Zukunft der gesamtdeutschen Olympiamannschaft zu sprechen: "Meine Einstellung zu dieser Frage ist bekannt. Ich habe auch noch Argumente und glaube, das richtige Gefühl für den Weg und die Taktik zu haben, sie ins Spiel zu bringen. Im übrigen ist es bis 1968 noch weit."

Der deutsche Sportpräsident war freilich nicht für zehn Tage in Moskau, Leningrad und Tiflis, um nur zu diesem "heißen" Thema Informationen zu sammeln. Aus wohlerwogenen Gründen hatte er selber im vergangenen Oktober beim Kongreß des Internationalen Olympischen Komitees in Baden-Baden angeregt, die deutsch-sowjetischen Sportbeziehungen zu verbessern. Dennoch war die Einladung aus Moskau, die über den Rahmen üblicher Sportbeziehungen hinausgeht, für im eine Überraschung: Sie kam zu einem Zeitpunkt, da Chruschtschow und Ulbricht ihren "Freundschaftsvertrag" geschlossen hatten. Obendrein stand fest, daß sich Daume mit seinen Moskauer Gastgebern – Jin Mashin, dem höchsten sowjetischen Sportfunktionär, Constantin Andrianow und Alexi Romanow, den beiden IOC-Mitgliedern – schon im Oktober in Tokio treffen würde. Es müssen also besondere Gründe vorgelegen haben, mit dem Dortmunder Industriellen und Sportbundpräsidenten zum erstenmal in ein Gespräch im eigenen Lande zu kommen. Offenbar war auch den Sowjets an einem besseren Klima gelegen.