Von W. Jessen

Man kann nicht sagen, daß die Berliner in der Personalpolitik eine besonders glückliche Hand bewiesen haben – wenigstens, was die Kultur betrifft. Nach außen hin bestand sie im Verlaufe der beiden letzten Jahre vorwiegend aus einer Reihe von "Fällen". Es begann mit dem Fall Buttlar (der ihm den Namen gab, wurde inzwischen zum Direktor der Hamburger Kunsthochschule berufen, und als sein Name bei der documenta-Eröffnung fiel, erhielt er demonstrativen Applaus). Ihm folgten der Fall de la Motte, der Fall Dr. Arndt, der Fall Reidemeister – wer immer es sein mag, der da, Blattschüsse verteilend, durchs struppige Unterholz des Berliner Kunstlebens pirscht, er kann auf eine stattliche Strecke verweisen.

Ein Novum stellt der zumindest fünfte Fall (einige kleinere wollen wir nicht rechnen) insofern dar, als er einen Mann betrifft, der noch nicht einmal in Berlin ist. Dr. Christian Wolters sitzt bislang noch im friedlichen München auf dem Sessel eines Leiters des angesehenen Doerner-Institutes, da tobt in Berlin schon um seine Person ein "Fall Wolters". Die Besorgnis, die der Kurator der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hans-Georg Wormit, aussprach, es möge unter diesen Umständen ein gewisser Mangel an Persönlichkeiten eintreten, die willens seien, sich dem derart rauhen Berliner Betriebsklima auszusetzen, scheint nicht ganz unbegründet.

Unselige Kettenreaktion, daß ein Fall fortzeugend auch immer wieder einen neuen Fall gebären wird: Da hat man dem verdienstvollen Generaldirektor Professor Leopold Reidemeister bedeutet, er möge mit fünfundsechzig in Pension gehen, obwohl dieser, gesund und rüstig, ganz gern den Wiederaufbau der Berliner Museen geleitet hätte, der jetzt in Angriff genommen wird. Nach einigem, hauptsächlich von der bösen Presse erzeugten Hin und Her war Reidemeister soweit. Er verkündete grollend, daß er höchstwahrscheinlich sogar schon vorzeitig zurückträte; es konnte ihm niemand verdenken. Erst jetzt und ganz gewiß angespornt durch die heftigen Kommentare in den Zeitungen, in denen zum Ausdruck gebracht wurde, es sei zumindest leichtsinnig, einen bewährten Mann in die Wüste zu schicken, ehe man einen geeigneten Nachfolger habe, begaben sich Stiftungsrat, Beirat und Kurator der Stiftung Preußischer Kulturbesitz auf die Suche nach einem neuen Generaldirektor.

Ein Mitglied des aus kunsthistorischen Autoritäten bestehenden Beirates, Professor Will Grohmann, besaß den Mut auszusprechen, was man wünschte: "Wir brauchen ein Genie wie Bode" Mit Bode, der – im übrigen bis in sein hohes Greisenalter hinein – volle siebenundfünfzlg Jahre hindurch für die Berliner Museen tätig war, begann die Reihe großer und gewichtiger Berliner Generaldirektoren, die dem Inhaber dieses Amtes, dem heute insgesamt vierzehn kunst- und kulturgeschichtliche Abteilungen (sprich: Museen) unterstehen, das Gepräge eines primus inter pares unter den deutschen Museumsdirektoren gaben.

Allein, ein Genie läßt sich nicht aus dem Boden stampfen. Den rettenden Hinweis gab Alfred Hentzen, der Direktor der Hamburger Kunsthalle. Dr. Christian Wolters sprach beim Stiltungsrat vor, legte dar, was er sich unter diesem Posten vorstelle, und machte einen derart überzeugenden Eindruck, daß man beschloß, ihn zu wählen und keinen anderen mehr anzuhören. Der Beschluß wurde einstimmig gefaßt.

Ewig unklar wird aber wohl bleiben, warum man ihn nicht gleich berief, wozu man durchaus berechtigt gewesen wäre, und warum Kurator Wormit, was durchaus ungewöhnlich ist, Wolters auf einer wohlgeplanten Pressekonferenz als "für die Nachfolgeschaft Reidemeisters in Aussicht genommen" vorstellte und betonte, der Ruf werde "zu gegebener Zeit erfolgen". Wollte man tatsächlich den bislang so brüsk behandelten Reidemeister rücksichtsvoll das Datum seines Ausscheidens selbst bestimmen lassen, oder wollte man, wie Skeptiker bald vermuteten, zunächst einmal die Reaktion jener unbestimmbaren Größe abwarten, die gewöhnlich als "Öffentlichkeit" bezeichnet wird? Sie blieb nicht aus.