John Dos Passos: Wilsons verlorener Friede. Hans Deutsch-Verlag, Wien; 612 Seiten, 30,– DM.

Woodrow Wilson gehört zu den umstrittensten Gestalten der modernen Geschichte. Viele sehen in ihm den genialen Wegbereiter übernationaler Lösungen im Zusammenleben der Völker, der an der Kurzsichtigkeit mittelmäßiger Politiker habe scheitern müssen. Andere stempeln ihn zum mäßig intelligenten Idealisten, der über seinen Träumen vom Weltfrieden die harten Realitäten der europäischen Wirklichkeit außer acht gelassen habe.

Wie wenig diese Vorurteile zutreffen, zeigt John Dos Passos in seinem groß angelegten Werk über den Ersten Weltkrieg aus amerikanischer Sicht. Als roten Faden durchzieht dieses Buch eine psychologische Studie Wilsons, die seine Friedenspolitik erst verständlich macht.

Sehr mitbestimmend für seine Politik war die schottisch-presbyterianische Herkunft. Nach strenger Tradition führte er ein frommes, zurückgezogenes Privatleben im Kreise der engsten Familie, die "die oberste Notwendigkeit seines Lebens" darstellte. Im Weißen Haus gab es keinerlei Geselligkeit; Wilson zeigte sich wenig empfänglich für die Anregungen durch andere geistig hochstehende Persönlichkeiten. Er haßte Veränderungen jeder Art; so gab es zum Kummer der Chauffeure des Weißen Hauses nur drei vorgeschriebene Wege für die sonntäglichen Ausfahrten.

Diesem beschränkten Lebensstil entsprach eine Eingleisigkeit des Denkens, die seine Mitarbeiter oft zur Verzweiflung brachte. Aus Furcht vor Ablenkung von den eigenen Ideen und Überzeugungen mißtraute er Freunden und Beratern. Seine berühmtesten Reden und Botschaften tippte er in langen Nächten mutterseelenallein in seine Schreibmaschine.

Wie vielen einseitig denkenden Menschen war es Wilson unmöglich, abweichende Ansichten gelten zu lassen. Er verstand nie, "daß vernünftige Männer allen Ernstes anderer Meinung sein konnten als er". Doch war er dank seiner überragenden Intelligenz in taktischen Fragen durchaus beweglich. Einmal vom Nutzen einer Sache überzeugt, konnte Wilson das Programm der Gegenpartei übernehmen oder politischen Gönnern untreu werden, wie er am Anfang seiner politischen Laufbahn bewies. Dabei half ihm seine beachtliche Zivilcourage.

Wichtig für ein Verständnis seiner Präsidentschaft ist auch die erfolgreiche Arbeit als Professor für Geschichte und Staatswissenschaften. In mehr als zwanzig Jahren entwickelte er seinen scharfen Intellekt und seine glänzende rhetorische Begabung, deren Überzeugungskraft ein Geheimnis seiner politischen Erfolge war.