Von Ingeborg Haase

Die Durstsaison dieses Jahres neigt sich ihrem Ende entgegen. Dabei war es nicht überraschend, daß sie Rekordumsätze für kühlende Getränke brachte und die 4000 Hersteller alkoholfreier Erfrischungen sowie die mehr als 2000 Bierbrauer zeitweilig in Lieferschwierigkeiten gerieten. Überraschend war vielmehr der Erfolg einer kleinen Dreieckstüte, eines Tetraeders, mit einem Fruchtsaftgetränk kalifornischer Provenienz: Sunkist-Orange.

"Es kommt nur alle zehn Jahre einmal vor, daß ein Artikel ohne besonders starke Werbung so einschlägt wie unser Fruchtsaftgetränk!" meinte Herr Classen von der Hamburger Rickertsen Produktionsgesellschaft mbH., die erst in diesem Jahr von der Importfirma Georg & Jürgen Rickertsen ins Leben gerufen wurde, um eben dieses Fruchtsaftgetränk herzustellen.

Sunkist – eine Verballhornung des Wortes sun-kissed, von der Sonne geküßt – wurde von der Anti-Kohlensäure-Welle zum Erfolg getragen, die in der Bundesrepublik gerade anrollt. In den USA sind heute bereits 30 Prozent aller Getränke kohlensäurefrei, was nicht zuletzt daher rührt, daß kohlensäurehaltige Getränke dem Autofahrer zu schaffen machen können.

Überhaupt tut sich auf dem Getränkemarkt einiges. Fachleute sind sich nur noch nicht darüber einig, ob man die Wandlungen als Evolution oder als Revolution bezeichnen soll. Der Bundesbürger trinkt nicht nur mehr – über 480 Liter kommerzieller Getränke gegenüber nur 330 Litern vor noch 15 Jahren – er trinkt auch anders.

So hat beispielsweise das Bier die Milch von der Spitzenstellung verdrängt. 114 Liter Gerstensaft wurden im letzten Jahr pro Kopf konsumiert, doch nur 107 Liter Milch. Nur Bohnenkaffee wird noch mehr getrunken – 116 Liter –, aber das interessiert die Getränkeindustrie weniger. Für sie ist es wichtig zu wissen, daß auf Mineralwasser und Limonaden – und hierher gehört auch Sunkist – 37 Liter pro Kopf entfallen, auf Süßmoste 7 Liter und auf Wein etwa 15 Liter. Und mit Erstaunen vernimmt man, daß die vielbeschworene "Sektwelle" den Konsum nur auf nicht einmal zwei Liter "Schampus" pro Kopf gebracht hat.

Immerhin, die Statistik weist aus, daß die kommerziellen Getränke offenbar das Leitungswasser aus dem Felde geschlagen haben –, was bei dem Chlorgeschmack vielerorts auch kaum ein Wunder ist. Oder anders gesagt, der Bundesbürger kann es sich heute leisten, etwas nach seinem Geschmack zu trinken, wenn er durstig ist – während der Arbeitszeit im Büro, während des Einkaufs in der Stadt oder auch zu Hause vor dem Fernsehapparat.