Von Joachim Kaiser

Zum fünften Male steht hier das Neue Bayreuth, insbesondere die Inszenierungen des "Tannhäuser" und der "Meistersinger", im Brennpunkt des Gesprächs. Es ging und geht um die Frage: Dürfen, können, müssen die Werke Richard Wagners veränderten Verhältnissen angepaßt werden – und wenn ja, wie hätte eine solche Anpassung auszusehen? Nach Theodor W. Adorno, Marcel Reich-Ranicki, Hans Mayer und Johannes Jacobi hat Joachim Kaiser den Vor- und Nachteil, ein vorläufiges Schlußwort zu sprechen. himmelungen der "Erlösung" sind heute publizistisch nicht mehr üblich. Denn die Wagner-Verehrung des ausgehenden neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts hat mittlerweile das Gift des Hitler-Bayreuth getrunken, hat gesehen, wohin der Antisemitismus, den Wagner teils aus taktischen, teils aus ideologischen Motiven hegte, führen konnte. Dieses Gift ließ die einst unschuldige Liebe zu Wagner nicht etwa – um einen Ausspruch Nietzsches zu variieren – zum Laster entarten: Sie machte sie erst "interessant" und ambivalent. Immer noch ist der "Meister" nicht nur der letzte populäre Tragiker, sondern auch der umstrittenste Künstler unseres Landes. Er – und Brecht! – regen heute noch weit stärker an und auf, als es sonst irgendein deutscher Autor vermöchte.

Daß Brecht sich über dies süße Wörtlein "und" geärgert hätte, ist klar. Doch hätte er es abstreiten können? Der Weltgeist pointiert gern, wenn es um Wagner geht. 1946 zum Beispiel erklärte im englischen Unterhaus der damalige Staatsminister Hynd: "Wir erlauben keine Musik, die unmittelbar mit dem Nationalsozialismus oder Militarismus in Verbindung steht. Dies bedeutet jedoch nicht, daß ein allgemeines Verbot für Wagner-Opern besteht." Mit anderen Worten: der Minister war zwar gegen militaristische oder nationalsozialistische Musik, aber er wollte deshalb doch nicht gleich sämtliche Wagner-Opern verbieten. Damals wurden mannigfache Reformvorschläge gemacht, die mit den späteren szenischen Reformen noch gar nichts zu tun hatten – durch die Wagner dann sozusagen von "hinten herum" zum heiligen Text wurde, weil man da nicht mehr über die Werke stritt, sondern über das, was ihnen angetan werden könne und müsse. So kursierte der harmlose Vorschlag, in Bayreuth doch bitte auch andere Opern aufzuführen, nicht nur Wagner. Darius Milhaud faßte die Extremstimmung knapp zusammen: "Wagner ist eine Art Hitler, der sich übrigens, wie bekannt, auf Wagnersches Gedankengut stützte ... Die Geistesart ist die gleiche ... Es handelt sich um eine gewisse Form des deutschen Geistes ... die meines Erachtens die hinter uns liegende Tragödie vorbereitet hat."

Und heute?

Wer hat sich – neben dem ständigen Opern- und Bayreuth-Kritiker der ZEIT, Herrn Johannes Jacobi – als Ehrengast an der Wagner-Diskussion mit der Leidenschaft zweifelnder Liebe beteiligt? Es waren Theodor W. Adorno, Marcel Reich-Ranicki und Hans Mayer. Zumindest das ist ihnen gemeinsam, daß sie sämtlich nicht dem deutsch-nationalen Bildungsbürgertum spätwilhelminischen Prägung angehören. Sie sind keine "Bismarck-Deutschen", sondern – pauschal gesagt – eher Linksintellektuelle, Aufklärer. An Marx geschulte Professoren, Hegel-Interpreten, vor Hitlers Mannen emigriert. Jetzt aber nehmen sie Wagners Ernst ungeheuer ernst. In diese Reihe gehört noch Ernst Bloch, der sogar die Beckmesser-Musik mit tiefschürfenden Überlegungen zu rechtfertigen und zu retten suchte.

Daß diese Intellektuellen, deren Denken und Empfinden so gar nicht zu dem Bilde passen mag, welches man sich von "Wagnerianern" macht, im Augenblick die weitaus produktivsten Einfälle zu Wagner haben und vertreten (ich beziehe mich dabei natürlich nicht nur auf die in der ZEIT vorgebrachten Argumente, sondern auf das gute halbe Dutzend von Wagner-Büchern und Essays, das Adorno, Bloch und Mayer zu danken ist), kann kein Zufall sein. Wir wollen es darum mit einer Hypothese versuchen: Nach 1945 bestand kein Bedarf mehr an simpel völkischer oder faselnder Wagnerianerei. (Dergleichen gibt es zwar auch heute noch – aber niemand kümmert sich darum.) Die deutschen Intellektuellen, entnazifiziert, ein wenig befangen, wandten sich, soweit Bedürfnisse nach Opern, differenziertem Klangrausch und hochdramatischer Magie bestanden, Richard Strauss zu. Auch heute noch kann man bei Musikfreunden, deren Musikalität kann selbständig, sondern eher gesellschaftlich vermittelt scheint, sehr häufig glühende Beteuerungen für den "Rosenkavalier", die "Ariadre" oder die "Elektra" hören. Aber um Wagner machen sie einen Bogen.

Dabei finden sich "Bombast", süchtige Kantabilität und Gigantismus – die man Wagner doch immer vorwirft – natürlich auch bei Strauss (dem Wagners Gewalt und pessimistischer Gestaltenreichtum wahrlich nicht zu Gebote stand).