Georges Blond: Die Preußen kommen! Paul Zsolnay Verlag, Wien; 344 Seiten, 19.50 DM.

Das "Wunder an der Marne", das im September 1914 Frankreich das Schicksal von 1940 ersparte, ist eine Legende – wie so viele "Wunder" in der Geschichte. In Wirklichkeit war die Schlacht, die tagelang unentschieden hin- und herwogte, das Resultat zweier verfehlter Feldzugspläne, taktischer Mißverständnisse und voreiligen Handelns von Einzelführern auf beiden Seiten. Gesiegt haben letztlich die besseren Nerven des französischen Oberbefehlshabers Joffre.

Der Franzose Georges Blond, in Deutschland durch sein Verdun-Buch gut eingeführt, beschreibt das Drama dieser Schlacht aus der Perspektive der Generalstäbe und aus der Sicht der Soldaten. Telegramme, Funksprüche, Briefe, Konferenzprotokolle, Tagebücher und Erlebnisberichte werden geschickt in die Erzählung eingeflochten, die sich nie in falsches Heldenpathos oder nationale Überheblichkeit verliert, sondern Freund und Feind Gerechtigkeit widerfahren läßt und den Krieg schildert als das, was er in der Hauptsache ist: Blut, Schweiß, Schlamm, Verwesung, Angst und Grauen.

Was später in Verdun Symbol wurde, deutete sich an der Marne schon an: Der Landkrieg ging seiner letzten romantischen Züge verlustig und entartete zur technisch vervollkommneten Massenschlächterei. Nur dämmerte diese Erkenntnis damals nur wenigen. Gerade die Franzosen – Blond zählt haarsträubende Beispiele auf – begingen, in Unkenntnis der Erfordernisse moderner Kriegskunst, Fehler über Fehler. Allein in den ersten beiden Monaten des vierjährigen Krieges hatten sie ein Sechstel der Gesamtverluste. Die Enkel jener Großväter, die an der Marne ihr Letztes hergaben, können in Blonds nie langweilendem Tatsachenbericht das Gesicht des Massenvernichtungskrieges, kennenlernen, aber auch staunend erfahren, daß Heimat, Vaterland, Ehre damals noch Ideale waren, für die Menschen willig in den Tod gingen. K. J.