Das Wort "Utopie" erlebt gegenwärtig so etwas wie eine Hochkonjunktur. Kreuz und quer wird von der Utopie und dem Utopismus dahergeredet, so daß man auf genauere Definition dessen dringen muß, was jeweils gemeint sein soll. Dabei hat das Wort, im Unterschied zur Sache natürlich, eine verhältnismäßig kurze Geschichte. Der Romanist Werner Krauss, der vor kurzem der Geschichte französischer Utopien seit Cyrano de Bergerac nachging, stellt fest: "Als Gattungsbegriff, der zugleich eine Denkform anzeigt, ist das Wort ‚utopisch‘ oder ‚Utopie‘ erst im 19. Jahrhundert zu belegen."

Da Krauss aber gleichzeitig behauptet, der gegenwärtige Zustand ungeheuerlicher Erfindungen und Entdeckungen sei einer Weiterentwicklung des utopischen Denkens nicht eben förderlich – "Die Prognose der utopischen Literatur ist trotz ihrer gegenwärtigen Beliebtheit nicht günstig. Denn es ist klar, daß die Realisierung der Utopie ihr Ende bedeutet" –, so fiele die augenblickliche Hausse in Betrachtungen über den Utopismus gleichzeitig mit der Endphase dieser Denkform zusammen.

Nun lassen sich aber in der Geschichte des utopischen Denkens zwei grundsätzlich voneinander zu unterscheidende Betrachtungsweisen feststellen. Im einen Fall wird der utopische Zustand schroff der jeweiligen Wirklichkeit gegenübergestellt. Es führt kein Weg von der realen zur utopischen Gesellschaft. Im anderen Fall – wie er vor allem durch das philosophische Lebenswerk von Ernst Bloch seit seinem Buch "Geist der Utopie" von 1917 repräsentiert wird – wird die Utopie als Endprozeß eines Werdens verstanden, als eine Möglichkeit, der sich die Wirklichkeit annähern müsse. Für Bloch kann es sich daher, im Gegensatz zu seinem einstigen Leipziger Kollegen Werner Krauss, niemals darum handeln, daß die Utopie vollständig von der Realität eingeholt und schließlich überholt würde.

Auch der Bonner Germanist Benno von Wiese stellt die Sammlung seiner wichtigsten Beiträge zur deutschen Literaturgeschichte unter die Antithetik von Utopie und Wirklichkeit –

Benno von Wiese: "Zwischen Utopie und Wirklichkeit – Studien zur deutschen Literatur"; August Bagel Verlag, Düsseldorf; 333 S., 18,40 DM.

Wie aber versteht Wiese diesen Titelbegriff des Utopischen? Man erfährt es im einzelnen nicht, muß jedoch aus gelegentlichen Formulierungen und einzelnen Analysen den Eindruck gewinnen, als sei die Antithese Utopie – Wirklichkeit hier gleichgesetzt mit dem Gegensatz von religiösen und säkularisierten Gehalten in der deutschen Literatur von Herder bis Brecht.

Im Gegensatz also zur gesamten Geschichte des utopischen Bewußtseins seit der "Utopia" von Thomas Morus, die unverkennbar als ein Prozeß der höchst konkreten Gesellschaftskritik verläuft, daher mit allen literarischen Mitteln der Polemik, der Satire, der Ironie oder auch einer als Antithese zur jeweiligen Wirklichkeit zornig ausgemalten Idylle zu arbeiten pflegte, versteht Wiese das Utopische als ein religiöses Element. Den Gegensatz zwischen Utopie und Wirklichkeit will er weitgehend als "Problem der Säkularisation religiöser Gehalte, bzw. mystischer und gnostischer Strömungen" verstehen. Diese Fragestellung aber hat mit einer Untersuchung der Gegensätze zwischen utopischem und sogenannt realistischem Bewußtsein nicht allzuviel zu tun. Entgegen der Titelgebung erleben wir daher in den einzelnen Beiträgen des Buches eigentlich nur einmal eine Analyse, die wirklich und in authentischer Weise mit Fragen der Utopie zu tun hat: nämlich in Wieses Studie über die "Utopie des Ästhetischen bei Schiller".