Hierzulande gehen viele feine Leute zur Jagd. Die Großkopfeten aus Politik und Wirtschaft, aus Handel und Wandel, bei denen das Sozialprestige eine Rolle spielt, werden Jagdpächter oder fahren, wenn sie Strauß heißen, in das schöne Land Niedersachsen, um dort die Jungjägerprüfung abzulegen, obwohl sie ihren Wohnsitz in Bayern haben. Das sind dann die Modernisten unter den Nimroden.

Aber unter den Großkopfeten gibt es auch den Inbegriff des passionierten Waidmanns, und hier steht der eine für sie alle. Gemeint ist der Nachfahre jenes Mannes, der die gute, volkstümliche Redensart seines liberalen Uraltvorfahren David Hansemann, daß in Geldsachen die Gemütlichkeit aufhöre, seit 1962 als Bundesfinanzminister praktizieren muß. Er ist der Herr über die Milliarden. Sein Bild müßte von zwei Seiten bespiegelt werden.

Es hat Bühnenwirkung, wenn der Minister Rolf Dahlgrün auf seinem isabellenfarbenen norwegischen Fjord-Pferd "Thor" durch die Gefilde des Königsmoors in der Lüneburger Heide reitet, seinem Jagdrevier, den Drilling geschultert, und ab und an das Glas ans Auge führt. Das korrekte Sitzen auf dem Gaul wird womöglich der eine oder andere für einen Zug von Pedanterie halten, aber er ist schließlich der Finanzminister. Noch öfters freilich betreibt dieser Mann die Pürsch, die aus dem mittelhochdeutschen pirschen, birschen oder bürschen kommt, nicht zu Pferde, sondern auf den eigenen Läufen, wie er sich vernehmen läßt. Es ist, so durch Feld und Wald, Wiese und Moor ziehend, die Peripathetik mit sich selbst, die sanfte Isolierung von seinem Ministerium in der Bonner Rheindorfer Straße, von den sechzig Milliarden des Bundeshaushalts. Hier ist er Mensch, hier darf er’s sein. Es ist kein romantisches Flanieren, kein bürgerliches Spazieren, sondern das einsame Abtippeln der Gedanken, für deren Diskussion er hier keinen Bundeskanzler und keinen Ministerialdirektor braucht, "die mir samstags und sonntags den Buckel ’runterrutschen können", wie er in einem großartigen Aphorismus jeden Freitagabend in Bonn zur Kenntnis gibt.

Seit fast dreißig Jahren ist er Pächter des Reviers, wo es noch den Großen Brachvogel, den Kornweih, den Birkhahn und – in der Wümme – den Otter und die Otterin gibt. Der Herr Minister hat bei seiner politischen Arbeit einen Fehler gefunden: Die meisten Leute können nicht mehr abschalten; die Arbeit vergewaltigt sie. Die Natur steht dem Finanzgewaltigen oft als Wehmutter bei, wenn er einsam seine Gedanken abtippelt. Wenn die anderen Großkopfeten Golf spielen oder sonst ein sogenanntes Hobby betreiben, vergnügt er sich zwischen den Höfen der Heidjer am Karnickel- und Fuchsbau, er läßt durchs Glas den Blick übers Moor wandern, wo: der schwarze Bock zieht, und wenn jetzt, im August, die jungen Kiebitze ihre Flugübungen vollführen, dann weiß er, daß die Zeiten viel nachsichtiger sind, als alle Leitartikler glauben machen möchten.

Der Herr Bundestagspräsident und der Herr Bundespressechef haben einen Birkhahn bei ihm geschossen, damals, in der Balzzeit. Montags, wenn die Großkopfeten wieder ins Geschirr steigen, sind sie wie neugeboren, auch der Herr Bundesfinanzminister, der vor bald dreißig Jahren – man hört das Jägerherz schon damals klopfen – beim alten Geheimrat Robert von Hippel in Göttingen als letzter Doktorant mit der Arbeit "Neufassung des Wildereiparagraphen 292, Strafgesetzbuch" zum Dr. jur. promoviert wurde. Breit grinsend biegt es um die Ecke: Haben nicht der Stresemann über Bierflaschen, der Heuss über den Weinverbrauch oder so ähnlich promoviert?

Walter Henkels