R. B., Berlin, im August

Bautrupps aus der DDR werden Anfang September bei Hirschberg die Saale überqueren, auf der Anhöhe des westdeutschen Ufers Bauhütten errichten und damit beginnen, die Autobahnbrücke Berlin–München, die am Ende des Krieges gesprengt wurde, wiederherzustellen. Allerdings müssen die mitteldeutschen Arbeiter zuerst auf westdeutschem Boden zwei parallel laufende Sperrgürtel aus Drahtgeflecht aufstellen, damit sich später keiner von ihnen in die westdeutschen Büsche schlagen kann.

Daß die Saalebrücke wieder aufgebaut wird, ist das Ergebnis zäher Verhandlungen, die der Leiter der Treuhandstelle für den Interzonenhandel, Dr. Kurt Leopold, vom Januar 1961 bis zum 14. August 1964 geführt hat. Er mußte vornehmlich gegen zwei Schwierigkeiten ankämpfen. Die eine war in der DDR, die andere in der Bundesrepublik beheimatet.

In Ostberlin beschloß das Politbüro der SED vor etwa anderthalb Jahren, künftig keinerlei innerdeutsche Abmachungen mehr, zuzulassen, es sei denn, sie wären von den jeweils kompetenten Behörden der beiden deutschen Staaten abgeschlossen worden. Infolgedessen verlangte der östliche Verhandlungspartner, als es um die Vertragsunterschrift ging, Leopold möge eine Vollmacht des Bundesverkehrsministers vorlegen. Leopold lehnte ab und hatte hinfort für alle Sonderwünsche Behrendts taube Ohren – und zwar ganz ohne Rücksicht auf die Engpässe, die in der DDR-Planwirtschaft immer wieder entstehen. So gelang es ihm im Frühjahr 1964, für diesen besonderen und einzigen Fall einen Beschluß des Politbüros außer Kraft zu setzen und die Bereitschaft der anderen Seite zum Abschluß des Vertrages herbeizuführen, ohne daß Seebohms Vollmacht vorgelegt wurde.

In diese "harmonische" Situation platzten der letzte FDP-Parteitag in Duisburg und die Äußerung des Parteivorsitzenden Erich Mende, man werde den Zeitungsaustausch (ohne staatliche Stellen zu bemühen) sicherlich zustande bringen, da die Behörden der Sowjetzone bei der Saalebrücke auch nachgegeben hätten. Damit war die Verständigung mit Ostberlin über den Vertrag zum Bau der Hirschberger Brücke "den Bach hinunter".

Wie hat nun Leopold die alte Lage wiederhergestellt? Er versichert, dafür "nichts bezahlt" zu haben. Der Wiederaufbau sei ja schließlich Ende 1960 protokollarisch festgelegt worden. Man wird erst aus der weiteren Entwicklung des Interzonenhandels – daraus also, ob der Swing erhöht wird, ob wir mehr Mineralöle aus Mitteldeutschland beziehen werden, kurzum, ob wir neue Konzessionen machen werden – erkennen können, ob Mendes Redseligkeit der Bundesrepublik Kosten verursacht hat oder nicht.