An die Vorstellung, Wohnungen seien Mangelware und müßten deshalb bewirtschaftet werden, haben wir uns so sehr gewöhnt, daß viele Menschen sich hartnäckig weigern, von ihr Abschied zu nehmen. Obwohl das Wort von der "Wohnungsnot" in der Bundesrepublik schon seit geraumer Zeit seinen Sinn verloren hat, erhebt sich jedesmal ein Sturm der Entrüstung, wenn die staatliche Zwangswirtschaft in diesem Bereich ein Stück abgebaut wird.

Die Tatsache zeigt jedoch, daß alle Voraussetzungen erfüllt sind, um endlich Ordnung auf dem Wohnungsmarkt zu schaffen. Was 1945 wohl kaum ein Mensch für möglich gehalten hatte ist eingetreten: Die Deutschen wohnen heute besser als jemals zuvor. In der Bundesrepublik gibt es gegenwärtig 15 Millionen Wohnungen, etwa die Hälfte mehr als vor dem Krieg. Natürlich hat inzwischen auch die Bevölkerung zugenommen. Um also genau zu sein: 1939 kamen 275 Wohnungen auf je tausend Einwohner. Heute sind es 310 Wohnungen.

Wir wohnen nicht nur besser, sondern auch billiger. Ich weiß, daß diese Feststellung noch wenig populär ist, aber sie ist ebenso beweisbar wie die Tatsache, daß bei uns keine Wohnungsnot mehr herrscht. Statistische Vergleiche zeigen, daß wir heute einen geringeren Anteil unseres Einkommens für die Miete ausgeben als in früheren Zeiten, und sie zeigt auch, daß die Wohnungsmieten in der Bundesrepublik eher niedriger sind als in vergleichbaren Ländern.

Die Drei-Zimmer-Wohnung in Hamburg oder München, die 400 Mark Wohnungmiete und eine hohe Vorauszahlung kostet, ist kein Gegenbeweis. In "Ballungszentren", also in schnell wachsenden Großstädten sind überall auf der Welt die Mieten hoch. In Paris, New York, Rom oder Tokio sind sie, viel höher als bei uns. –

Was ist angesichts dieser Lage vernünftiger, als endlich wieder einen freien Wohnungsmarkt herzustellen? Doch leider findet etwas Vernünftiges nicht immer die Zustimmung der Interessenten. Seit nach dem Lücke-Plan in den sogenannten ,,weißen Kreisen" die Wohnraumbewirtschaftung aufgehoben wurde, glaubten Mieterverband und andere Gruppen vor angeblich katastrophalen Folgen dieses Abenteuers warnen zu müssen.

Die Gewerkschaften haben soeben erklärt, nach Aufhebung der Bewirtschaftung sei 100 000 Mietern gekündigt worden. Im Wohnungsbauministerium in Bonn zweifelt man diese Zahlen an, weil sie auf Grund von Untersuchungen in nur drei Kreisen geschätzt wurden. Wie dem auch sei: 100 000 Kündigungen, das würde nur knapp fünf Prozent der Mietverhältnisse in den "weißen Kreisen" betreffen. Wäre es so unverständlich, wenn nach Jahrzehnten der Zwangswirtschaft fünf Prozent der Vermieter sich andere Mieter suchen wollen?

Was für die Zahl der Kündigungen gilt, gilt auch für die Höhen der Mieten. Natürlich bedeutet die Aufhebung der Bewirtschaftung, daß die Mieten steigen. Aber ist das Eigennutz oder eine "Ausbeutung der Schwachen"? Eins Organisation, die sicher nicht im Verdacht steht, Mieter ausbeuten zu wollen, hat dieser Tage die Forderung nach Mieterhöhungen auch in den "schwarzen Kreisen" erwogen: der Gesamtverband gemeinnütziger Wohnungsunternehmen. Diese Firmen, von denen viele der SPD und den Gewerkschaften nahestehen, erklären: die gegenwärtigen Mieten decken die Instandsetzungskosten nicht mehr.