Von Hansjakob Stehle

Genosse Gomulka behandelt die Diktatur des Proletariats als eine Art von Kalamität... Er hat das Grundproblem des Marxismus-Leninismus nicht verstanden – das Problem der Macht."

Der Mann, der vor fünfzehn Jahren diese wunderlichen Sätze sprach, ist in der vergangenen Woche dem gleichen Gomulka vor dem polnischen Sejm als würdiger Nachfolger des verstorbenen Aleksander Zawadzki gerühmt und zum neuen Vorsitzenden des polnischen Staatsrates gewählt: Edward Ochab.

Die Erinnerung an das Wort von ehedem zeugt nicht gegen den Mann; die Ironie des verblichenen Irrtums kennzeichnet eher einen tiefgreifenden Wandel. In Gestalt und Lebensgeschichte Ochabs spiegelt sich viel von der wechselvollen Geschichte des polnischen Kommunismus. 1906 im damals österreichischen Krakau geboren, stieß Ochab erst 1929 zur Partei. In den Jahren vorher erarbeitete sich der Sohn eines kleinen Beamten als Werkstudent eine solide ökonomische Hochschulbildung. Der Gewerkschaftsangestellte und Kommunist organisierte Streiks und warb für die illegale Partei. Zur gleichen Zeit wie Gomulka erhielt er deshalb zweimal langjährige Gefängnisstrafen, zuletzt 1937 – kurz bevor Stalin durch einen Federstrich die polnische Partei auflöste und ihre Führer ermorden ließ.

Im Jahre 1939 gehörte Ochab zu den Kommunisten, die beim deutschen Einmarsch aus den Gefängnissen entkamen, bei der Verteidigung Warschaus mitkämpften und sich dann in den sowjetisch okkupierten Teil Polens absetzten. Während Gomulka und andere damals in das deutschbesetzte Polen zurückkehrten, um den Partisanenkampf zu organisieren, wurde die Gruppe, der sich Ochab anschloß, in weit entfernte Gebiete der Sowjetunion geschickt, nahezu verbannt. Erst 1942 entsann sich Stalin wieder der polnischen Kommunisten. Ochab gehörte zu den Organisatoren eines "Polnischen Patriotenbundes" in Moskau, der mit der (seit 1943 von Gomulka geführten) "Polnischen Arbeiterpartei" der kommunistischen Partisanen in der Heimat zu konkurrieren begann.

Die Gegensätze zwischen "Moskauern" und "Partisanen" waren nur oberflächlich überbrückt, als Edward Ochab 1944 mit der sowjetisch gelenkten "Ersten Polnischen Armee" nach Polen kam – nun oberster Politoffizier und überzeugter Stalinist. Nach seiner Beförderung zum General und Vizeverteidigungsminister betrieb er von Ende 1948 an die Sowjetisierung der polnischen Armee. An der Vorbereitung der Schauprozesse gegen nichtkommunistische Generale nahm er regen Anteil, und niemanden verwunderte es, daß er zu jenen zählte, die damals Gomulkas Sturz betrieben.

Die ehrliche Sinneswandlung Ochabs begann 1955, zwei Jahre nach Stalins Tod. Es war kein plötzlicher Bruch, keine radikale Schwenkung wie bei vielen kommunistischen Intellektuellen; das knöcherne Gerüst einiger Dogmen war stark genug, um in dem routinierten Funktionär mit der äußeren auch die innere Balance zu sichern. Ochab gehörte zur ersten Garnitur im Parteisekretariat, als Bierut, der "polnische Stalin", nach dem 20. Parteikongreß 1956 in Moskau einer Herzattacke erlag; als sicherer Nachfolger galt er dennoch nicht. Chruschtschow mußte selbst in Warschau erscheinen, um den Statthalter seiner Wahl in den Sattel zu setzen. Ochab, der als moskautreu und reformwillig unbestechlich und intelligent galt, schien Chruschtschow der richtige Mann für die schwierige Periode des Übergangs zu sein.