Von Walter Abendroth

So ein Festspielsommer kann dem kritischen Beobachter Anlaß zu allerlei Betrachtungen geben, die bei flüchtigem Hinblick "weit hergeholt" erscheinen mögen, die indessen dennoch vielleicht näher an den Nerv der Wirklichkeit führen als die routinemäßige bloße Zensurenerteilung.

Nehmen wir einmal das Festspieldreieck Salzburg – Bayreuth – München. Da haben wir mit den Namen Mozart (der in Salzburg immer der Drehpunkt bleibt), Wagner (dem Alleinherrscher in Bayreuth) und Strauss (dem heuer vornehmlich gefeierten genius loci Münchens) drei Meister, deren jeder heute ganze Industrien ernährt und alljährlich über die Einwohnerschaft verschiedener Städte einen wahren Goldregen ausschüttet.

Was aber hatten sie selbst von ihrer weltbeglückenden Lebensleistung? Mozart darbte, pumpte und bettelte sich einem allzu frühen Erschöpfungstode entgegen; Wagner, wohl wissend, wieviele Ausbeuter sich dereinst an seinen Schöpfungen mästen würden, hielt die begüterten Zeitgenossen für verpflichtet, ihm angemessene Vorschüsse auf die Gewinne der Nachwelt aus seinem Werke abzufordern – was wiederum nur Schuldenlasten, wirtschaftliche Zusammenbrüche und Abhängigkeiten zur Folge hatte; Richard Strauss hingegen war schon so klug, in einem reichen Bräuhaus zur Welt zu kommen, und loyal genug, seinen angeborenen Geschäftssinn für einen lebenslangen Kampf um die endliche gesetzliche Regelung der Ansprüche schaffender Künstler auf gerechten Anteil am Ertrag ihrer Arbeit zu nützen. Nicht zuletzt seiner Hartnäckigkeit verdanken die Komponisten die Existenz einer Tantiemen-Verrechnungs-Anstalt, heute: GEMA – Gesellschaft zur Verwertung musikalischer Aufführungsrechte genannt. Der arme Mozart, ja, der war richtig: Solch ungetrübter Idealismus rührt den kunstbegeisterten Bürger und wirkt erhebend; Wagners Bild hingegen erscheint dem seelenvollen Spießer schon "menschlich getrübt" durch seinen abstoßenden Egoismus; und Strauss muß sich vollends immer einmal wieder plumpen Materialismus vorwerfen lassen.

In der ZEIT vom 24. Juli gab Präsident Bernhard Paumgartner eine sehr überzeugende Erläuterung der gegenwärtigen Variante jener "Krise", deren stets wiederkehrende Ausbrüche zu den konstanten Merkmalen aller Festspielunternehmungen, insbesondere aber der Salzburgischen gehören. Es ist tatsächlich kein Grund zu ernsthafter Besorgnis um den Bestand dieser Einrichtung gegeben, da es sich bei den in Rede stehenden Schwierigkeiten lediglich um gewisse Interessenkonflikte und Cliquenbildungen handelt, die selber gegenstandslos würden, wollten sie ihre Aktivität bis zur Gefährdung der Sache selbst treiben. Nicht einmal eine wirkliche Gefährdung des künstlerischen Niveaus der Festspiele dürfte von diesen mehr oder minder durchsichtigen Kompetenzkämpfen zu befürchten sein, solange die künstlerische Prominenz daran interessiert bleibt, sich auf dieser in vielfacher Hinsicht einzigartigen Weltbühne zusammenzufinden, die obendrein eine unvergleichliche Anziehungskraft für den internationalen Tourismus besitzt.

Diese Feststellung legt allerdings zugleich eine verdrießliche Bemerkung nahe. Wenngleich das immense Saisongeschäft der Salzburger Gastronomie sich nicht ausschließlich dem Festspielpublikum verdankt, so doch zu einem entscheidenden Teile; es ist daher ein dieser wochenlangen Hochkonjunktur absolut unwürdiger Zustand, wenn die wenigsten Gäste nach Schluß der Aufführungen noch ein warmes Essen finden oder wenn die "Sperrstunde" um Punkt 24 Uhr allen fachlichen und sachlichen Disputen ein gewaltsames Ende setzt. Hier würde sich ein weniger eindeutig geschäftliches Interesse am Kunden in einer sonst so einladenden und weltoffenen Stadt nicht übel ausnehmen.

Allein, mit den Behörden hat es anscheinend überhaupt bisweilen seinen Haken. Noch zwei Wochen vor Beginn der Festspiele mußte sich das Direktorium vom Präsidenten des Rechnungshofes, Dr. Kandutsch, vorwerfen lassen, es gehe zu freigiebig mit Freikarten um und es verwende zu kostbares Material für die Kostüme. Selbst dem Hofrat Paumgartner wollte es in einer Rundfunkdiskussion nicht gelingen, den Sparsamkeitsfanatiker davon zu überzeugen, daß die Statisten nicht "in Sackleinwand und Fußfetzen" auftreten könnten.