N. G., Köln

Kölner Spötter vernahmen am vergangenen Freitag eine Botschaft aus dem Jenseits: Sie behaupteten, das Gekicher des vor 200 Jahren verstorbenen Freudenmädchens Fanny Hill sei im Windschatten der Domtürme zu hören gewesen. Die Kölner Freunde der Fanny kicherten mit. Denn die Polizei, die vorher schon in München, Berlin, Frankfurt und anderen Großstädten auf Geheiß des Volkswartbundes nach den Memoiren der Londoner Lebedame gefahndet hatte – in Köln, dem Sitz der Sittenrichter, kam sie zu spät.

Niemand will Fanny Hill gesehen haben. "Das ist ein Phantom, das arme Mädchen, die Fanny", meint der Geschäftsführer der "Bücherstube am Dom". Er konnte den beiden Kriminalbeamten, die in Köln zum Tanz gegen die Unsittlichen aufgetreten waren, lediglich noch acht englische Exemplare der Memoiren anbieten. Doch gegen den Verkauf dieser Ausgaben war nichts einzuwenden. Die Kripo bestätigte das der Buchhandlung am Montag noch einmal telephonisch. Gesucht wurde nur die "ungereinigte" deutschsprachige Originalausgabe aus dem Kurt-Desch-Verlag, zu 58 Mark in kardinalsroter Seide eingebunden. "Bei uns haben sie nichts gefunden", meldeten auch andere Buchhandlungen in der Innenstadt. Und einige hatten vergebens auf den Besuch der Kripo gewartet. Nur ein Buchhändler in der Vorstadt verkündete stolz: "Ich habe noch zwei. Aber sagen Sie es nicht der Polizei."

Offenbar hatten aber die Beamten schon vorher den Mut verloren. Am Freitagnachmittag bereits waren sie beim Barsortiment Wengenroth erschienen und hatten angegeben, noch kein Fanny-Exemplar gefunden zu haben. Der Chef im Auslieferungslager hatte Erbarmen und zeigte den Beamten sein Privatstück – nur zur Ansicht.

Wie viele Exemplare der "Fanny Hill" gekauft wurden, möchte die Polizei nicht sagen. "Da bei uns nichts bekannt ist", verlautbarte ihre Pressestelle, "legt die Kripo wohl keinen Wert darauf, daß es publik wird". Der "Kölner Stadtanzeiger" meldete indessen am Tage nach der Fahndung: "Zahlreiche Exemplare wurden beschlagnahmt." Die Zeitung hofft aber, "daß die Behörde bei ruhiger Überlegung ein Werk der Weltliteratur für die Bundesrepublik wieder freigibt, das im kaiserlichen Deutschland verkauft werden durfte."

Tatsächlich hatten die Kölner Buchhändler das Memoirenbuch nur sehr diskret verkauft. In vielen Buchhandlungen wurde es weder ausgelegt noch offen angeboten. Die meisten hatten es nicht einmal im Regal stehen, sondern lieferten nur auf Bestellung; die Bahnhofsbuchhandlung Ludwig führt "Fanny Hill" überhaupt nicht. Aber was nutzte die Bedachtsamkeit der Buchhändler vor jenen Kölnern, "die immer an die Unzucht denken"? So umschrieb die Zeitschrift "Pardon" kürzlich das Wirken des "Volkswartbundes e. V., Bischöfliche Arbeitsstelle für Fragen der Volkssittlichkeit."

Seine Mitglieder schützen die Kölner Katholiken seit 1898 vor den Versuchungen des Fleisches. Damals nannten sie sich auch "Kölner Männerverein zur Aufklärung der öffentlichen Unsittlichkeit". Mit einem Vorsitzenden, der vom Kölner Erzbischof ernannt wird, kämpfen die aufrechten Männer seitdem gegen Unzucht aller Art, ohne den Dank des Volkes zu erwarten.