Von Joadbim Sdiwclien

Washington, im August

Mit dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater vollzieht sich, je näher der offizielle Beginn des Wahlfeldzuges rückt, die gleiche Wandlung, die fast alle Bewerber um das höchste Staatsamt der USA durchmachen. Die Schlagworte und Thesen werden nuancenreicher und allgemeiner, damit sie breite Wählerschichten erreichen und die Unterstützung möglichst aller Flügel der eigenen Partei gewährleisten. Im Auftreten verdrängt die staatsmännische Pose das agitatorische Werben. Im Umgang wird Respektabilität gepflegt: Das Haschen um Hilfe, woher sie auch kommen mag, ist nicht mehr bestimmend. Kurzum, man wird seriös und versucht das persönliche Image so zu tupfen, daß es wohlgefällig und doch noch unterscheidbar vom Bild des Gegenkandidaten ist.

Diesem Zweck dienten die Darlegungen Barry Goldwaters auf der republikanischen "Gipfelkonferenz", zu der sich der Senator mit dem früheren Präsidenten Eisenhower, Richard Nixon und den Gouverneuren aus der republikanischen Partei in Hershey (Pennsylvanien) zusammentat. Zuvor schon hatte er eine Aussprache mit Nelson Rockefeller erreicht, den Goldwaters Anhänger in San Franzisko so schmählich niedergeschrien hatten, als er gegen den Extremismus zu Felde zog. Gastgeber der Gipfelkonferenz war William Scranton, der Unterlegene von San Franzisko. Dieser Rahmen sollte die Eintracht der Republikaner beim Eintritt in den Wahlkampf bekunden. Auf der Leinwand entwarf der Präsidentschaftskandidat der Republikaner ein Gemälde eines neuen Goldwater.

Dabei gab er die feste Zusage, er werde als Präsident sofort zur Politik des "Friedens durch Stärke" umschwenken, welche die Ära Eisenhower–Dulles gekennzeichnet habe. Die wichtigsten Regierungsämter, wie das Außen- und das Verteidigungsministerium wolle er nur nach Beratung mit Eisenhower, Nixon und anderen erfahrenen Persönlichkeiten besetzen. Er werde uneingeschränkt jene Ziele der Vereinten Nationen unterstützen, die der Weltorganisation ursprünglich gesetzt worden seien. Die Sozialgesetzgebung –"lassen Sie mich das zum millionstenmal wiederholen" – müsse nicht nur erhalten, sondern ausgebaut werden. Das Bürgerrecht werde von einem Präsidenten Goldwater getreu dem Amtseid ausgeführt. Er wolle keine Unterstützung von Extremisten, gleich ob von rechts oder von links, er lehne Rufmörder, die Kommunisten und den Ku-Klux-Klan gleich entschieden ab. Alle Äußerungen über seine Impulsivität, Schießfreudigkeit, Unüberlegtheit oder seine Neigung, aus dem Hüftanschlag zu feuern, seien bloßes Gerede, das bis zum November noch oft zu hören sein werde, ohne dadurch wahrer zu werden.

Es wäre ein Kinderspiel, diese Bekenntnisse Goldwaters durch seine früheren Erklärungen zu widerlegen, als er noch vom totalen Sieg über den Kommunismus sprach, die Vereinten Nationen verdammte, im Senat gegen das Bürgerrechtsgesetz stimmte oder sich weigerte, eben dem Rufmord laut und deutlich entgegenzutreten, der in den Pamphleten der Birch-Gesellschaft aus Eisenlower und anderen patriotischen Amerikanern bewußte Agenten des Kommunismus" gemacht hatte. Damit jedoch wäre Goldwater schwerlich zu erschüttern. Er könnte wie jeder Politiker sagen, seine letzte Einsicht sei maßgeblich und nicht, was in der Vergangenheit ausgesprochen oder unterlassen wurde.

Seine Metamorphose hat gewiß einen tieferen Sinn. Sie ist auf die simple Erkenntnis zurückzuführen, daß der Goldwater von gestern die Wahlen nicht gewinnen kann, aber ein Goldwater als Präsident von morgen wieder alles vergessen darf, was er in Hershey beschworen hat. Die Inkonsequenz ist ihm allzu leicht nachzuweisen, als daß er sich ihrer nicht bewußt wäre.