Eine Londoner Börsenfirma, deren Urteil in der City beachtet wird, hat in diesen Tagen einen Rundbrief an ihre Kundschaft verschickt, dessen Inhalt keineswegs so optimistisch ist, wie es die jüngste "Wahl-Hausse" an der Londoner Börse erwarten läßt. Es heißt in dem Brief, daß im Falle eines Labour-Sieges bei den Unterhauswahlen die Aktienkurse im Handumdrehen um fünfzehn Prozent fallen würden, denn im kommenden Frühjahr sei mit einem "sozialistischen" Steuerprogramm zu rechnen. Nun, diese Prognose ist nicht sonderlich originell. Was aber aufhorchen ließ war der zweite Teil der Vorausschau. Es wird nämlich auch mit einem Kursrückschlag bei englischen Aktien gerechnet, wenn die Konservativen noch einmal das Rennen gewinnen würden. Denn auch sie müßten mit einem wenig erbaulichen Budget aufwarten.

Deshalb haben die Londoner Börsenexperten über die feste Aktientendenz der letzten Tage nur den Kopf geschüttelt. Sie sind sich der labilen Lage des englischen Pfundes nur zu gut bewußt, und sie kennen auch die Lücken in der Zahlungsbilanz. Viele Broker meinen sogar, daß ein Kursrückgang von 15 Prozent im Falle eines Labour-Sieges viel zu niedrig geschätzt ist. Realer wäre es, von einem Kurseinbruch von dreißig und mehr Prozent auszugehen. Allerdings wird, um die Kundschaft nicht völlig vor den Kopf zu stoßen, sofort erklärt: Ein guter Teil der Kurseinbrüche würde bald wieder aufgeholt sein, einfach, weil "gute Aktien" eine gewisse Wertbeständigkeit besitzen und sie sich in Inflationszeiten (und sie sieht man mit Labour heraufziehen) als Kapitalanlage anbieten.

Aber auch in London richtet sich die Börse nicht immer nach dem Urteil der Fachleute. Die Kurse der Londoner Leitaktien, der dreißig Blue Chips, überkletterten nämlich in der Vorwoche den bisherigen Höchststand (15. Mai 1961) von 365,7 um einige Bruchteile. Die neue Rekordmarke liegt jetzt bei 365,9. Etwas Vergleichbares spielte sich im Wahljahr 1959 ab. Die damalige Kaufwelle konzentrierte sich auf die Zeit von zwei bis drei Wochen vor dem Wahlgang. Damals wurde der Mut zum Kaufen durch einen Wahlsieg der Konservativen belohnt.

Aber wie sieht es damit jetzt aus? In Meinungsumfragen ist der Labour-Vorsprung zwar kleiner geworden. Aber noch führen die Sozialisten. Im übrigen bieten die Aktienmärkte insgesamt kein so imponierendes Bild, wie es der Blick auf den Index von dreißig Leitaktien vermuten läßt. Der "Index der 500 Aktien", der den Zufälligkeiten weniger ausgesetzt ist, hatte sich bis Ende der letzten Woche bis 118,60 heraufbewegt, Mitte Juli lag er bei 116,33 (April 1962 = 100).

Welche Marktgebiete zeigten sich zuletzt im günstigsten Licht? Vor allem die Schiffahrts- und Ölaktien, aber auch die Gruppen Hoch- und Tiefbau sowie Papier nebst Verpackung. Dagegen blieben Brauereien, Gummiindustrie und Nahrungsmittel zurück. Mit einem Gewinnzuwachs rechnet man im Zeitungs- und Verlagsgewerbe. Obwohl die gegenwärtig recht befriedigende Beschäftigungslage der englischen Industrie zu einem wesentlichen Teil dem Motorisierungsdrang zugeschrieben werden muß, gelten die Automobilwerte auch hier nicht als Börsenfavoriten. Die Absatzkurve der Automobilfabriken hat ihren höchsten Punkt erreicht, vielleicht sogar schon überschritten.

Heikel steht es immer noch mit den sogenannten Rohstoffwerten. Trotz des Preisauftriebs an vielen Warenmärkten konnte man an Rohstoffaktien sich die Finger verbrennen. Sei es an den Aktien von Teeplantagen, denen die Linksregierung von Ceylon das Geschäft verdirbt, sei es an den Zinn-Werten, die einmal in die Feuerlinie zwischen Malaya und Indonesien geraten mögen, sei es schließlich an den nordrhodesischen Kupferminen, auf deren rentable Weiterarbeit unter einem afrikanischen Regime kein Verlaß besteht.

J. U.