Hinter Indien und auf Zypern knallten die Kanonen, aber die Vorratskammern der deutschen Hausfrauen waren leer. Es ist schon schlimm: Das deutsche Eichhörnchen in Menschengestalt ist unbelehrbar, es ist ungezogen, unwillig, einsichtlos, phlegmatisch, der Familie gegenüber verantwortungslos. Es will offenbar nicht an Krieg und Katastrophe denken. Es schläft in den fetten Jahren, statt sich um die mageren zu sorgen und vorzusorgen. Die "Aktion Eichhörnchen" hat es schwer mit diesen Eichhörnchen.

Was Wunder also, daß das für diese Gattung zuständige Bundesernährungsministerium von Zeit zu Zeit Versuche anstellt, das seine Bestimmung mißachtende Wesen aufzurütteln. Zum erstenmal geschah das 1961; da begann die Aktion mit dem niedlichen Namen, denn: unter hundert Haushältern hatte man nur neunzehn gefunden, die ein wenig mehr als das Nötige in den Speisekammern hatten. Heute, drei Jahre danach, sind es schon 64 Prozent geworden, was zu Zeitungsüberschriften führte wie "Vorratshaltung setzt sich durch". Allerdings – einen Krisenvorrat für vierzehn Tage mit den sogenannten Grundnahrungsmitteln, wie es den Eichhörnchen empfohlen war, hatten sich nur "zwei bis drei Prozent" der Haushalte angelegt.

Die Mahner im Ministerium (das vor allem die Störung beim Übergang zur Rationierung in bösen Zeiten fürchtet) erlahmen indessen nicht. Haben die Menschen begriffen, daß man sich der Gesundheit wegen vorm Essen die Hände und vorm Schlafen die Zähne säubert (oder säubern sollte), werden sie auch einsehen, daß sie Vorsorgen müssen. Der propagandistische Aufwand für die staatliche Erziehungsmission verdient jedenfalls Beachtung. Jährlich werden, damit sich in der Bevölkerung das Eichhörnchen-Bewußtsein ausbilde, 1,2 bis 1,5 Millionen Mark ausgegeben.

Daß die Erinnerung gerade in diesen Tagen geschah, läßt auf schnelle Reaktionsfähigkeit schließen; die kriegerischen Kräche in der Ferne waren hierzulande gut zu vernehmen. Doch Staatssekretär Hüttebräuker, der die Mahnung seines Ministeriums der Presse bekanntgab, betonte, die neuerliche Aktion stehe in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit den alarmierenden Vorgängen in der Welt. Dabei hatte der Ministerialrat Dr. Eich noch vor einem Monat resignierend bemerkt: "Unsere bestgemeinten Empfehlungen nützen erfahrungsgemäß nicht so viel, wie die Nachricht, daß irgendwo am politischen Horizont wieder einmal jemand mit dem Schuh auf den Tisch schlägt."

Vietnam, Zypern, Kongo sind vermutlich noch wirksamer als der Schuh eines Sowjetmenschen. Haben die haushaltenden Frauen und Männer also ein Einsehen? "Ich glaube nicht an den Wert solcher Vorratshaltung", sagt die Buchhändlersfrau, Mutter dreier Kinder. "Bei unserer Familie ist ohnehin an jedem Monatsende eine Krise. Im übrigen finde ich es infam, daß der Schnaps billiger, und das, was wir horten sollen, teurer wird, nämlich die Grundnahrungsmittel." Ihr assistieren viele. "Können Sie mir sagen", fragt die vierzigjährige Frau eines Schiffsingenieurs, "wo ich das Kapital zur Gründung eines Vorrats hernehmen soll? Hundert Mark sind da doch im Nu weg." Und die Frau eines Schweißers: "Das soll mir mal einer vormachen, wie ich bei sechs Kindern und mit dem Lohn meines Mannes einen Vorrat anlegen soll! Katastrophe ist bei uns jedes Wochenende. Und wenn’s wirklich mal losgeht – wissen Sie, dann nützen uns die paar Konserven im Keller auch nichts."

In der Bundesrepublik gibt es die meisten Kühlschränke unter den EWG-Ländern (52 in 100 Haushalten; Frankreich 41, Italien 30, Niederlande 23, Belgien 21), wir haben ganz sicher auch die meisten Keller (wer baut schon ohne Keller hierzulande?) – das eine sagt jedoch so wenig wie das andere. Ein Kühlschrank ist keine Speisekammer, und die Mehrheit lebt in Etagenwohnungen, die oft viel zu klein sind. "Wissen Sie", fragt die Frau eines Werbeassistenten, "wissen Sie, was vier Menschen in vierzehn Tagen aufessen? Stellen Sie das bloß mal nebeneinander, und dann sagen Sie mir, wo das hin soll." Ihre Freundin ergänzt: "Mein Keller ist feucht, auf dem heißen Boden vertrocknet alles, und meine Speisekammer ist keine Bewahranstalt für die Ewigkeit."

Eine Apothekerin, von derlei Problemen unberührt, fand die "ganze Prozedur" höchst lächerlich, unappetitlich und anstrengend dazu. "Also", begann sie, "da habe ich also das ganze Zeug, und dann fange ich an, Tüten und Büchsen mit Nummern zu bekleben. Danach, steht das Zeug, und irgendwann muß ich mal ‚umwälzen‘. Ich esse also, streng nach Nummern, das alte Zeug, Fisch aus Dosen, Fleisch aus Dosen, Brot aus Dosen, guten Appetit!" Gewisse Erfahrungen damit hat eine Chefsekretärin bereits gemacht: "Ich habe schon dreimal ‚Eichhörnchen‘ gespielt. Dreimal haben wir Monate gebraucht, um alles" aufzuessen. Ach, wir knabbern heute noch am alten Zwieback ’rum – ich habe die Nase voll."