Von Felicitas Zschocke

Die Ausländer meinen wohl, hinter den Pyrenäen fängt gleich Afrika an, und wundern sich, daß es in Spanien keine Löwen gibt – dies hielt kürzlich ein spanischer Student hitzig einem Touristen vor. Das mag übertrieben sein – so ganz unrecht hat er indes nicht. Vielen Mitteleuropäern schwebt unter Spanien eine Mischung von Stierkampf, Flamenco, Gitarrenmusik, ewiger Sonne und viel, viel billigem Wein vor. Und dann erst die Spanierinnen: In den gängigen Vorstellungen tragen sie alle eine rote Rose im Haar sowie die berühmte Mantilla und gelten als unnahbar und leidenschaftlich zugleich.

Was bekam ich nicht alles zu hören, als ich mich zur Reise in dieses Land rüstete: Die Spanierin rauche nicht, sie trage keine langen Hosen, sie dürfe nicht allein mit ihrem Freund (dort gleich bindend "novio", Verlobter, genannt) ausgehen, sie werde niemals in den "tascas" (Kneipen) gesehen, in denen die Männer ihre Abende verbringen, während sie zu Hause sitze und die Kinder hüte, sie gleiche alles in allem der "höheren Tochter" von Anno dazumal, nur, daß sie statt dem Piano- das Gitarrenspiel erlerne... Nach alledem stellte ich mir die Iberische Halbinsel wie das in Lorcas Drama "Bernarda Albas Haus" kritisierte altspanische "Sittengefängnis" vor und fragte mich bange, welche Revolution ein modern denkendes, berufstätiges deutsches Mädchen dort wohl entfachen würde.

Was galt davon? Nichts. Rauchende Spanierinnen sind seit einigen Jahren gar nichts Ungewöhnliches mehr. Die Tanzklubs sind sonntags so voll, daß keine Aussicht besteht, noch irgendwo eine Eintrittskarte zu ergattern, es sei denn, man kommt gegen 22 Uhr: Dann sind die "anständigen" jungen Mädchen nämlich schon brav von ihren Novios zu Hause abgeliefert worden. Meine Hosen fielen nirgendwo im Straßenbild auf, aber dafür erregte ich mit einem Pillenschachtelhütchen beträchtliches Aufsehen: Die Spanierin trägt nämlich keine Hüte. Die Tascas sind zwar bevorzugter Treffpunkt der Herrenwelt, doch auch Frauen sieht man dort oft mit ihren Ehemännern. Die "höheren Töchter" allerdings, nun, die gibt es wirklich.

Wie die Statistik verrät, stehen den zweiundeineviertelmillion berufstätigen Frauen (das sind 13 Prozent der gesamten Bevölkerung) immerhin 694 288 Junggesellinnen von über dreißig Jahren gegenüber, denen – unverheiratet und ohne Ausbildung – nur das Los der "Familientante" bleibt. Das heißt, daß von 271 198 Frauen über dreißig mehr als 250 000 nicht mehr unter die Haube kommen; in Deutschland hingegen bleibt nur jede dritte Frau über dreißig allein.

Immer noch also herrscht bei vielen iberischen Familien die Auffassung, daß ein Beruf für die Tochter des Hauses "nicht standesgemäß" sei. Bis heute erhält eine Junggesellinnenorganisation in der General-Godet-Straße in Madrid viele Briefe, in denen junge Spanierinnen klagen, wie schwierig es sei, diese überlieferten Ansichten aus dem Wege zu räumen. "Noch immer ist in diesem Lande etwas vom Geist der englischen Sufragetten zu spüren, die mit ihren Regenschirmen um. die Gleichberechtigung kämpften", schreibt die spanische Schriftstellerin Carmen Rosselini zu diesem Thema.

Daß sie nicht umsonst gekämpft haben, zeigen wiederum Zahlen: Heute gibt es in Spanien immerhin schon drei weibliche Universitätsprofessoren und fünfhundert Ärztinnen. Von den Volksschullehrern sind über sechzig Prozent weiblich; man findet Frauen in den Büros, hinter dem Ladentisch, am Fließband, hinter den Büfetts der "Cafeterias" und Bars; sie arbeiten als Fernsehansagerinnen, Redakteurinnen, Rundfunksprecherinnen, hoch in der Luft – als Stewardessen –, unter der Erde – als U-Bahn-Angestellte.