George Malcolm Thomson: The Twelve Days – 24th Juli to 4th August 1914. Hutchinson, London; 228 Seiten, 25 sh.

George Malcolm Thomson ("Daily Express") hat in seiner Chronologie der zwölf geschichtsträchtigen Tage des Sommers 1914 eine Quelle erschlossen, die bisher von Historikern zu wenig beachtet oder zu gering geachtet wurde: die Leitartikel, Glossen und Kommentare der Journalisten. Den deutschen Leser wird es freuen, daß Thomson die Impressionen seines deutschen Kollegen Theodor Wolff hervorhebt, dessen großartige Schilderung der Julikrise es verdient hätte, in Deutschland ebenso bekannt zu sein wie etwa der Theodor-Wolff-Preis.

In ungemein ausdrucksstarker Sprache läßt der Autor die Ereignisse Revue passieren, mit rasch wechselnder Szenerie und ungewöhnlicher Besetzung der Nebenrollen: der Leutnant de Gaulle marschiert unter Oberst Pétain ins Feld, Joseph Conrad reist kurz vor Toresschluß quer durch Europa, Stefan Zweig erlebt den Tag von Sarajewo im Kaffeehaus, Apollinaire schreibt in jenen Tagen ein Gedicht, Leo Trotzky eilt zum Wiener Polizeichef, Adolf Hitler kniet nieder vor Ergriffenheit, und der "Hauptmann von Köpenick" begrüßt die einmarschierenden deutschen Soldaten in Luxemburg.

Thomson widmete das Buch seinem Lehrmeister Lord Beaverbrook, dem er jahrzehntelang gedient hat. Um so mehr überrascht sein faires, abgewogenes Urteil über die deutschen Politiker, die in seiner Darstellung weit besser wegkommen als in gewissen deutschen Publikationen. Die unorthodoxe Betrachtungsweise dieses Engländers, eines Europäers von Gesinnung, vermittelt unserer Generation eine Ahnung davon, was Europa einmal gewesen und was in jenen zwölf Tagen, vielleicht unheilbar, zerbrochen ist. Über die Bilder historischer Größe und menschlicher Schwäche, von Haß und Vaterlandsliebe, von Blutdurst und Narrheit, von Verzweiflung und Pflichterfüllung breitet Thomson den Zauber der Poesie, einen Hauch von der Schwermut und herben Süße des Juli und August. An den Anfang und Schluß des nach fünfzig Jahren noch immer unbegreiflichen Welttheaters stellt er als ironische Kulisse die unbeteiligte Natur: "Kein Wölkchen trübte den Himmel." K. H. J.