Als im vergangenen Jahre die namentlich von ausländischen Zeitungen hochgespielten Gerüchte über eine angebliche Krise im Krupp-Konzern dementiert wurden, hat es sich gezeigt, wie schwer es ein Unternehmen hat, böswilligen Behauptungen entgegenzutreten, wenn es auf die wirksamste Waffe, nämlich die Publizität, verzichtet. Ein gesetzlicher "Zwang" besteht für das Haus Krupp in dieser Hinsicht nicht. Der Alleininhaber Alfried Krupp von Bohlen und Halbach muß nicht – wie Aktiengesellschaften – über die wirtschaftliche Entwicklung seines Unternehmens öffentlich berichten.

Aber Konzerne dieser Größenordnung und schon gar, wenn sie den Namen Krupp tragen, können heute nicht "im Verborgenen blühen". Der Krupp-Konzern gehört mit seinem Umsatzvolumen von 5,2 Milliarden DM und seiner Belegschaft, die eine kleine Großstadt bevölkern könnte – 106 300 Mann stark war 1963 das Heer der "Kruppianer" – in die Spitzengruppe der deutschen Industrie. Ein bißchen mehr über diesen Giganten zu erfahren, als das, was der Firmenchef alljährlich anläßlich der Jubilarehrung im Essener Saalbau berichtet, ist deshalb kein unbegründeter Wunsch. Im vergangenen Jahre sah es zeitweilig so aus, als würde Krupp in Zukunft mehr Einblick in das Konzerngeschehen gewähren; doch blieb es auch in diesem Jahre bei der Publizität "nach Art des Hauses".

Alfried Krupp hielt im Frühjahr seine traditionelle Rede vor den Jubilaren der Firma, in der er lediglich in großen Zügen auf die Entwicklung seines Konzerns einging. Handfeste Informationen aus dem Krupp-Konzern liefert jedoch nach wie vor lediglich die Hütten- und Bergwerke Rheinhausen AG, die als hundertprozentige Tochtergesellschaft der Firma Fried. Krupp die Montaninteressen der Gruppe kontrolliert. Aber in der Konzernpalette ist die Montanindustrie längst nicht mehr dominierend. Schon 1962 hatte die Weiterverarbeitung den Montanbereich überflügelt, der Abstand ist im vergangenen Jahre noch größer geworden. Rund 31 Prozent des Gesamtumsatzes aller Krupp-Unternehmen entfiel im vergangenen Jahr auf die Montangesellschaften, der Anteil der Weiterverarbeitung lag bei 37 und, der des Handels bei 26 Prozent. In der Grundstoffindustrie wurde 1963 ein Umsatz von 1,62, in der Weiterverarbeitung 1,89, im Handel 1,37 Milliarden DM erzielt, während 305 Millionen DM auf die Dienstleistungsbranche entfielen. Der Konzernfremdumsatz wird für 1963 mit 4,25 Milliarden DM genannt.

Der Trend zur Verstärkung der Weiterverarbeitung bestimmt also auch bei Krupp den Kurs, wobei allerdings anzumerken ist, daß dieses Gebiet für den Essener Konzern kein Neulanc darstellt. Daß die Weiterverarbeitung indessen nicht nur mehr Umsätze, sondern vor allen, bessere Erträge liefert, ist dem Unternehmen wohl zu wünschen; denn die Kruppsche Montangruppe gehört nicht eben zu den Spitzenreitern des Reviers. Jedoch zeigt sich nunmehr auch bei Rheinhausen der Silberstreif am Horizont. Das gilt nicht nur hinsichtlich der bei allen Stahlerzeugern zu verzeichnenden Marktbelebung – die naturgemäß auch die Kassen in Rheinhausen wieder füllt –, sondern vor allem auch im Hinblick auf die zu erwartenden Rationalisierungsfortschritte, die sich einstellen werden, wenn die umfangreichen Investitionen der jüngsten Vergangenheit zum Tragen kommen. Daß Rheinhausen indessen relativ spät an eine Strukturbereinigung seines Produktionsprogramms herangegangen ist, mag vor allem daran geleger, haben, daß die nach wie vor nicht aus der Welt geschaffte Verkaufsauflage für den Kruppschen Montanbesitz unternehmenspolitische Entscheidungen in diesem Bereich jahrelang gehemmt hat,

Der Verlust von 4 Millionen DM, den die Hütte Rheinhausen im Geschäftsjahr 1962 hinnehmen mußte – und der kurioserweise lediglich von besseren Ergebnissen der Zechenbetriebe ausgeglichen werden konnte –, kam schließlich nicht von ungefähr. Aber schon im vergangenen Jahre ging es in Rheinhausen – ganz im Gegensatz zu fast allen Stahlerzeugern an der Ruhr – bergauf. Die Hütte schließt mit einem Überschuß von 2 Millionen; das ist noch nicht viel, aber es ist ein Anfang. Die Verwaltung setzt große Hoffnungen auf die wirtschaftlichen und technischen Vorteile einer engen Zusammenarbeit mit dem Bochumer Verein, der auch seinerseits seine großzügigen Investitionspläne bereits auf den Verbund mit der ganzen Krupp-Montangruppe abgestellt hat. Eine günstigere Ausnutzung der vorhandenen Kapazitäten und vor allem ein stärkeres Vordringen in den Qualitätsstahlbereich werden Rheinhausen ein gutes Stück voranbringen. Eine weitere Verringerung des Halbzeuganteils ist das vordringliche Ziel des Unternehmens. Schon im vergangenen Jahre ist der Halbzeugversand auf 468 483 (545 731) t zurückgegangen; das dürfte mit ein Grund gewesen sein für das vergleichsweise gute Abschneiden der Hütte im Geschäftsjahr 1963.

Es kann daher nicht überraschen, daß die Stahlseite des Unternehmens weiterhin obenan auf der Investitionsliste steht. Im vergangenen Geschäftsjahr sind 140,8 (108) Millionen DM bei der Hütte und 33,3 (29) Millionen DM im Bergbau investiert worden. Diese Relationen werden – mindestens in den nächsten beiden Jahren – noch beibehalten werden. Im Zechenbereich wird der Krupp-Konzern bewußt kurztreten.

Der Umsatzrückgang der Rheinhausen AG blieb im vergangenen Geschäftsjahr auf 4,7 Prozent beschränkt, weil der Bergbau seinen Absatz – wie alle Zechengesellschaften – erheblich ausweiten konnte. Von dem Gesamtumsatz entfallen 670 (761) Millionen DM auf die Hütte und 410 (367) auf die Zechen. Um den gesamten Umsatz der Kruppschen Montangesellschaften zu erfassen, sind die Umsatzerlöse des Bochumer Vereins von 722 und der Harz-Lahn-Erzbergbau GmbH von 12 Millionen DM hinzuzurechnen.

Die Dividende von 3 Prozent, die Rheinhausen an den Alleinaktionär Fried. Krupp ausgeschüttet wird, hat mehr symbolischen Wert. Daß sie überhaupt gezahlt wird, dafür sind ausschließlich steuerliche Gesichtspunkte entscheidend. Zu dem Bilanzgewinn von 11,7 Millionen haben Hütte und Bergbau jeweils 2 Millionen beigetragen; der größere Teil kam von der Bochumer Tochter, die auf Grund des Organschaftsvertrages mit Rheinhausen knapp 10 Millionen DM abgeführt hat (wovon 2 Millionen für die den freien Aktionären des Bochumer Verein garantierte Dividende abzuzweigen waren.) Die Rücklagen dotiert Rheinhausen diesmal mit 2,85 (8,85) Millionen DM. Ingrid Neumann