Von Uwe Nettelbeck

The licence to kill for the Secret Service, the double-O prefix, was a great honour. It had been earned hardly. It brought James Bond the only assignments he enjoyed – the dangerous ones.

Ian Fleming ist tot, James Bond ist vaterlos geworden. Aber es besteht die begründete Aussicht, daß der Agent 007 seinen raffinierten Schöpfer um ein Erhebliches überlebt. Die Bücher sind nun gezählt, die Filme noch nicht. Der dritte ist bereits fertig, der nächste wird kaum lange auf sich warten lassen. Und der Tag ist wahrscheinlich nicht mehr fern, an dem der Killer im höchsten Auftrag auch bei uns zum heiligen Gut der Nation geworden sein wird.

In England und Amerika, in Frankreich und anderswo trauern Millionen um einen Mann, der es wie kein anderer verstanden hat, die geheimen Sehnsüchte und die schlimmen Wünsche westlicher Kleinbürger wohlfeil zu artikulieren, ihre Aggressionstriebe geschickt zu paaren mit ihrer Lust am Surrogat vom feinen Leben, ihnen den status quo zu versüßen, sie einzulullen mit der Mär vom starken bösen Mann, der jede Teufelei der Roten mit gleicher Münze heimzuzahlen weiß.

Der Zweck heiligt die Mittel. Fleming hat die krude Parole beim Wort genommen, sein James Bond setzt sie in Taten um. Die Doppelnull hat er von Ihrer Majestät der Königin von England, und sie gestattet ihm zu töten, wann immer es ihm beliebt und es für die Sache des Westens gut ist. Und so würgt er denn und sticht und schießt, wenn er nicht gerade im Kerzenschimmer diniert, seinen Wagen, einen der letzten Viereinhalb-Liter-Bentleys mit Kompressor von Amherst Villiers, Baujahr 1933, oder eine Rennjacht steuert, eine Gegenagentin verführt oder beim Bakkarat gewinnt. Zwischendurch putzt er erst sich mit der Besonnenheit eines Gentleman, dem kein Geheimnis distinguierter Lebensart fremd ist, und dann seine Beretta, füllt sein Stahletui mit fünfzig signierten Morland-Zigaretten, fettet das Ziegenlederhalfter und sieht darauf, daß es unter dem einreihigen Dinnerjackett keine Falten wirft, und "läßt schließlich das schwarzoxydierte Feuerzeug schnappen, um zu sehen, ob es gefüllt werden mußte".

Fleming war kein Schnellschreiber, die Schluderei eines ständig von Geldnot gehetzten Wallace lag ihm fern, an dergleichen machte er sich seine Finger nicht schmutzig. Er konnte es sich leisten. Er liebte das naturalistische Detail bis zum Affekt, häufte Glaubhaftigkeit da, wo sie billig zu haben, leicht herzustellen und ebenso leicht zu kontrollieren war: bei der Beschreibung der Schauplätze und der beiläufigen Gesten. Er suggerierte seinen Lesern Realität, um sie um so gewisser zu betrügen. Keinen bewährten Kniff, keine belletristische Finte ließ er ungenutzt, seine Leser übers Ohr zu hauen. Darin hat er es zu einer perfiden Meisterschaft gebracht.

Es hieße ihn aber gründlich mißverstehen, wenn man ihm unterstellte, er habe sich zum Propheten einer brutalen Ideologie gemacht um der Ideologie willen. Sie lag lediglich am Wege. Er huldigte ihr und leistete seinen NATO-Beitrag um des Geschäftes willen.