Komödie von Paul Willems

Europa-Studio 1964, Salzburg

Das Europa-Studio hat Theaterglück. Auch die zweite Uraufführung im Salzburger Landestheater war ein Erfolg. Am Schluß wurden die Künstler mit Beifall überschüttet. Wieder ist die Inszenierung vor dem Stück zu nennen. Eber Cesaires "König Christoph" berichtete ich vorige Woche: "Die nahtlose Verfügung des Szenenbündels war ein regieliches Meisterstück." Diesmal ist an erster Stelle der Regisseur Werner Düggelin zu nennen. Er dichtete ein empfindsames Manuskript auf der Bühne zu Ende – es entstand ein Traumgebilde. Daß darin Sentiment nie in Sentimentalität ausglitt, Satire nicht plump wirkte, daß zwischen dem Trödelkram modernen Alltags spinnwebfein die Fäden der Romantik aufleuchteten, es war Düggelins Verdienst. Er führte bekannte und weniger bekannte Schauspieler mit nachtwandlerischer Sicherheit. Ein beschwingter, ein hinreißender Theaterabend, auch dank der vorzüglichen Bühnenbilder von Jörg Zimmermann.

Der belgische Bühnenpoet Paul Willems, den Maria Sommer in gutes Deutsch übersetzt hat, weicht im "Mitternachtsmarkt" keineswegs der Gegenwart aus. Daß mit moderner Organisation alles manipulierbar ist, bildet den kulturkritischen Hintergrund. Auch der Mitternachtsmarkt von Villonville wurde von einem weltumspannenden Reisebüro als Touristenattraktion organisiert. Artisten, die dort leben, sind so arm, daß sie gefundene Gegenstände mitternachts als Andenken an juchzende Fremdenschwärme verkaufen. Als die Einwohner auf die Ausplünderung von Millionären verfallen, gerät ausgerechnet der Boß des Fremdenverkehrskonzerns in ihre Fänge. Er scienkt den Artisten seine Milliarden. Aber das Geld macht niemanden glücklich. Dem Boß jedoch, der nun die Armut zu organisieren beginnt, läuft der Mammon nach. Eine zart-melancholische Liebesgeschichte verbindet die einzelnen Seiten des ergötzlichen Bilderbuches.

Anfangs beschleicht den Zuschauer das fatale Gefühl, er sei diesen Gestalten irgendwo schon einmal begegnet. Dann aber gewinnen die Figuren an Profil und werden unverwechselbar. Wichtig für die Dramaturgie ist die Musik. Ihr Komponist Eugen Thomass besitzt, ohne immer originell zu sein, eine dem Poeten Willems verwandte Ader. Er fängt das Gefühl in zarten Mollklängen auf, schreibt Lieder, die keine Schlager werden wollen, aber mehr bedeuten als nur Bühnenmusik. Entstanden ist eine musikalische Komödie. An der Spitze der (auch singenden) Schauspieler triumphieren Brigitte Grothum und Wolfgang Reichmann. Unter den zahlreichen Chargen gibt es komödiantische Kostbarkeiten von Hubert Suschka, Klaus Steiger, Gisela Uhlen, Karl Schönböck, E. B. Fuhrmann. Nur eins darf diesem Stück nicht passieren: daß es in die Hände von Routiniers fällt, die nicht mit Seifenblasen zu spielen verstehen.

Johannes Jacobi