Von Vitus Dröscher

Die Ergebnisse der chemischen Genetik können den Menschen in die Lage versetzen, Lebewesen einschließlich seiner selbst nicht nur in ihrer individuellen genetischen Prägung, sondern auch hinsichtlich ihrer Nachkommenschaft willkürlich abzuändern, vielleicht sogar neue Formen von Lebewesen zu schaffen. Diese Aspekte haben so tiefgreifende weltanschauliche, vor allem auch ethische Konsequenzen, daß man bereits davon gesprochen hat, die von der chemischen Genetik heraufbeschworenen Gefahren könnten diejenigen der Atombombe noch übertreffen.“

Mit diesen Worten umriß kürzlich der Direktor des Physiologisch-Chemischen Instituts der Universität Tübingen, Professor Günther Weitzel, die Zukunftsaussichten, die sich aus den gegenwärtigen Zielsetzungen der biochemischen und molekular-genetischen Wissenschaft ergeben.

Die Biochemiker zweifeln also nicht daran, in Zukunft die Erbsubstanz von Pflanze, Tier oder Mensch beliebig „umkonstruieren“ und neue Kreaturen „nach ihrem Bilde“ schaffen zu können. Damit tritt die Frage nach der Wechselwirkung zwischen Erbsubstanz und der Entstehung all der verschiedenen Formen im Verlauf der Entwicklungsgeschichte wieder in den Brennpunkt der Auseinandersetzungen. Was sagt die Biologie, insbesondere die Genetik, zu diesen Vorstellungen?

Nach den Worten Professor Weitzels ist „die aufsteigende Entwicklung der Lebewesen eine Folge der chemischen Entwicklung ihrer genetisch wirksamen Nukleinsäure“, also der Erbsubstanz-Moleküle in den lebenden Zellen. Unter „chemischer Entwicklung“ ist letztlich der Vorgang der Mutation zu verstehen, der erblichen Veränderung an den DNS-Molekülen, die für die Weitergabe der Erbinformationen sorgen. Diese Veränderung kann zum Beispiel von radioaktiver Strahlung oder von chemischen Einwirkungen hervorgerufen sein, sie mag auch einen für uns nicht erkennbaren Grund haben.

Ob nun eine Mutation stattfindet und welche von den unzähligen Erbanlagen sie unter natürlichen Bedingungen trifft, ist nach dem gegenwärtigen Stande der Forschung reiner Zufall.

Doch nicht nur bei dem initialen Geschehen, der molekularen Strukturänderung, ist der Zufall im Spiel. Von einer Reihe zufallsbestimmter Ereignisse hängt es auch ab, ob eine solche Änderung an die nächste Generation weitergegeben wird.