Von Marion Gräfin Dönhoff

Japan hat am 15. August, dem Tag seiner Kapitulation, die Trauerfeierlichkeiten für die drei Millionen im Zweiten Weltkrieg Gefallenen zum erstenmal seit 1945 in Yasukuni abgehalten. Der Yasukuni-Shinto-Tempel in Tokio, die traditionelle Symbolstätte für die Helden der japanischen Kriege, galt lange Zeit als Hort des Nationalismus und Militarismus, und darum hatte die Besatzungsmacht 1945 derartige Feiern dort verboten. Die Reden, die in diesem Jahr gehalten, die Artikel, die geschrieben wurden, kennzeichnen ein sehr betontes – wie Ostasienfachleute sagen: seit Kriegsende ungewohntes – nationalistisches Pathos. Das Pendel schwingt auch dort offenbar zurück.

Von San Franzisko über West- und Osteuropa bis Tokio breitet sich heute überall ein echter, wahrscheinlich legitimer Nachholbedarf an nationaler Selbstdarstellung aus. Bei den einst besiegten und gedemütigten Völkern paart er sich mit dem Stolz über das Erreichte und Vollbrachte, bei den Osteuropäern entspringt er der Erleichterung über die Preisgabe der Zentralisierung und das Nachlassen der Moskauer Bevormundung; für die ehemaligen Kolonialvölker, die das "Joch der Fremdherrschaft" abgeschüttelt haben, ist er zum wahren Lebenselixier geworden. Und was schließlich den Ursprung solcher Gefühle in Amerika anbelangt, so haben uns die Experten in den letzten Wochen eine Menge kluger und einleuchtender Analysen geboten: der Aufstand des Hinterlandes, die Reaktion auf die Gleichstellung der Neger, das natürliche Bedürfnis nach Simplifizierung einer überkomplizierten Welt, die Enttäuschung über die Undankbarkeit der Europäer.

Ein Anwachsen des Nationalismus allenthalben – aber eben Nationalismus als Pendelschlag. Der langfristige Trend, daran sollten wir uns nicht irremachen lassen, sieht anders aus. Die Welt geht voran, geht weiter dem Ende des 20. Jahrhunderts entgegen und nicht zurück ins 19. Jahrhundert. Nationalismus als spontane Reaktion, als ein Aufbäumen der Emotionen gegen die Ratio, die das Gesetz unserer wissenschaftlichen Epoche ist, das ist einleuchtend, vielleicht sogar unvermeidlich. Aber Nationalismus als Weg oder gar als Ziel der Geschichte in der nun beginnenden Phase – jetzt, da die Nachkriegsära zu Ende geht –, das macht einfach keinen Sinn.

Die Aufgaben, die uns und der kommenden Generation gestellt sind, lassen sich nicht in einem Kampf aller gegen alle, in einem catch as catch can souveräner Nationen lösen. Sie stellen einen Appell dar an die Vernunft und nicht an die Emotion. Sie sind einfach auf der Ebene der Nationen nicht mehr zu lösen. Alle die großen Probleme der modernen Gesellschaft können nur in gemeinsamer Anstrengung bewältigt werden. Welche Probleme? Um nur ein paar Aufgaben zu nennen:

1. Die nuklearen Kräfte, die man entdeckte, zu bändigen, sie zum Fortschritt und nicht zur Zerstörung zu gebrauchen.

2. Mit der Versachlichung des Menschen in der modernen Industriegesellschaft und mit der Kommerzialisierung aller gesellschaftlichen Beziehungen fertig zu werden.