Von Ruth Herrmann

Die jungen Männer, die gemeinhin "Kriegsdienstverweigerer" genannt werden und in Hamburg ihren Wehr-Ersatzdienst leisten – achtzehn Monate lang wie auch Soldaten dienen –, leben nicht fürstlich, obwohl sie in einem Schloß wohnen, einem klassizistischen Bau, der früher einem Baron von Schröder gehörte. Das Schloß Berne gehört jetzt der Stadt Hamburg. In den vergangenen Jahrzehnten war es unter anderem Blindenheim und SS-Kaserne. Es wird jetzt von der gemeinnützigen, also ohne Gewinn arbeitenden "Vereinigung Hamburgischer Ledigenheime e. V." geführt. Achtzig Männer zwischen achtzehn und fünfundzwanzig Jahren – die Hälfte sind Handwerker, die übrigen Studenten, Kaufleute und ungelernte Arbeiter – wohnen dort für rund fünfzig Mark monatlicher Miete in Zimmern zu zweien oder auch zu sechsen.

Die Ersatzdienstler sind hier nicht unter sich, sie wohnen mit den anderen zusammen, sie benutzen, wie die anderen Bewohner des Ledigenheims, die Räume, in denen man lesen, Billard spielen, diskutieren oder fernsehen kann. Die Mahlzeiten werden nicht gemeinsam eingenommen. Nur selbständige Leute, die ihre Sachen selber in Ordnung bringen und selber für ihre Verpflegung sorgen, wohnen hier. Die jungen Männer vom Ersatzdienst sind gesetzlich verpflichtet, "Gemeinschaftsverpflegung" zu essen, aber sie erhalten sie dort, wo sie arbeiten, und kommen nach dem Dienst mit dem Abendbrotpäckchen oder – an freien Tagen – mit 2,75 Mark nach Hause ins Schloß. "Seitens des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung stehen uns aus dem Kulturfonds 0,04 Mark pro Tag und Kopf zur Verfügung. Das reicht, wie Sie selbst ausrechnen können, nicht weit." Einer der Zivildienstler schrieb das an die Redaktion der ZEIT und bat für sich und seine Kameraden um ein Frei-Abonnement. Was gewünscht wird, ist Information, Anregung zu Diskussionen – überhaupt ein Ausgleich zum Dienst, der die geistigen Fähigkeiten kaum in Anspruch zu nehmen scheint.

Vor nunmehr über vier Jahren, am 13. Januar 1960, beschloß der Bundestag das Gesetz über den zivilen Ersatzdienst. Wer nicht Soldat werden will, obwohl er wehrdienstpflichtig ist, hat zum Ersatz einen Dienst zu leisten, in dem "Aufgaben durchgeführt werden, die dem Allgemeinwohl dienen. Dazu gehört insbesondere der Dienst in Kranken-, Heil- und Pflegeanstalten".

In Hamburger Krankenhäusern sind zur Zeit zehn ersatzdienstpflichtige junge Männer beschäftigt. Vater dieser kleinen "Nicht-Kompagnie" ist Alfred Knaus, Geschäftsleiter des Deutschen Zweiges des Internationalen Zivildienstes, einer jener Organisationen, die zugelassen sind, den Ersatzdienst "durchzuführen". Seit dem 1. April des vergangenen Jahres tut die Gruppe in Hamburg Dienst. Ihre Zusammensetzung wechselt, je nach dem Termin über Einberufungen und Entlassungen. Diese Organisationen, eingeschaltet zwischen dem Bundesministerium für Arbeit und dem Mann, der zum Ersatzdienst verpflichtet wurde, vermitteln die Arbeitsplätze, weisen die Unterkünfte an und zahlen dem Nicht-Soldaten den Sold aus.

Welchen Beruf der Ersatzdienstler gelernt hat, spielt hier eine ebenso geringe Rolle wie bei den Soldaten. Es kommt weniger darauf an, das Gelernte anzuwenden, als vielmehr, daß diese Männer ebenso lange wie Soldaten ihren Wehrdienst absolvieren, für die Allgemeinheit etwas tun, auf Verdienst verzichten und die Trennung von Familie und Beruf ebenso auf sich nehmen, wie der Soldat in der Kaserne es tun muß.

Sicherlich ist es nicht sinnlos, was zum Beispiel die zehn Ersatzdienstler in Hamburg in den Krankenhäusern leisten. Sie sind handwerkliche Helfer, die dem Hausmeister zugeteilt sind, Hilfspfleger, die Kranke betten, ihnen zur Hand gehen, ihnen das Essen bringen, oder sie arbeiten im Garten. Für alle diese Arbeiten werden Menschen gebraucht. Aber da die Arbeitsplätze nicht nach den beruflichen Ausbildungen ausgesucht werden, ist hier praktisch jeder soviel wert wie ein Ungelernter. Daß ein Maler Türen zu streichen, ein Schlosser ein Schloß zu reparieren oder ein Gärtner zu gärtnern hat, ist ein Zufall.