Von Anne Mecklenburg

Der Herr ist Italiener, aber seine Wiege hat zweifellos am Isarstrand gestanden. Dort verbringt er auch den Winter. Im Sommer ist er Hotelmanager und -besitzer an der Adria, in Bibione Pineda, westlich der Tagliamento-Mündung und ungefähr auf halber Strecke zwischen Venedig und Triest. Als er uns die Geschichte dieses neuen Ferienortes erzählte, standen wir auf dem Dach seines Hotels. Er wies mit dem Arm in die Runde über die Lagune hin, die den Strand nach Westen hin begrenzte, über den Pinienwald im Osten und den Streifen helleren Grüns, der zu einer Laubbaumart gehörte, in regelmäßigen schmalen Hainen angepflanzt und zu nicht näher erkennbarem Zweck hier und da neben die Straße gesetzt worden war: "Das ganze ist Naturschutzgebiet und war noch vor sechs, sieben Jahren Jagdgelände, wild, zum Teil sumpfig. 27 verschiedene Arten von Wasservögeln und -hühnern und Enten gibt es hier in der Gegend. Jener Streifen dort", und der Finger zeigte auf das Waldstück und das lichte Grasgelände östlich von Bibione, "ist immer noch privates Jagdgebiet."

Dann aber, vor etwa sieben Jahren, so berichtete mein Gewährsmann, habe sich eine Gesellschaft konstituiert, die das Gebiet der Halbinsel zwischen Lagune und Adria aufgekauft und einen Plan zur systematischen Bebauung entworfen habe. Was entstand, war ein synthetisches Ferienparadies. Der Platz wurde zunächst auf dem Zeichenpapier aufgeteilt, eine Münchener Immobilienfirma nahm sich des Projektes an und errichtete hundertfünfzig Bungalows, die sie alsbald an den Mann brachte. Der Bebauungsplan sieht noch etwa hundert weitere Häuschen verschiedener Typen vor, die in den nächsten zwei oder drei Jahren zwischen die Pinien gesetzt und verkauft werden sollen.

Außer den Bungalows entstanden in Windeseile auch ein paar Hotels in Bibione Pineda, nicht zu groß, so daß sich der Gast nicht von Mauern beengt zu fühlen braucht, kein Luxus, aber modern und adrett. Und mit Hotels und Bungalows zugleich wuchs die Hauptstraße des Ortes mit Läden und Cafés und Bars, einem Supermarkt mit Selbstbedienung, Minigolfplätzen und Eisdielchen, die so bunt zwischen die Schulmädchen-Pinien gesetzt worden sind, daß man an jeder dieser kleinen Ecken mit einladender Schaukelstühlen und Korbsesseln Rast macher möchte.

Die Schulmädchen-Pinien – ja wirklich, so sehen sie aus. Noch nicht erwachsen, denn der Pinienwald, in den hinein man Bibione Pineda gesetzt hat, ist vorläufig nicht mehr als eine Schonung, mannshoch zum Teil nur, in lockeren Gruppen angepflanzt, so daß der Gast, der unter diesen Pinien hindurchgeht und den Kopf einzieht, sich in einen Puppenwald versetzt fühlt. Es sind auch größere da, Punktpinien sozusagen, sie standen schon, ein sehr lichter Pinienhain, sattgrün, duftend.

Dieses Bibione Pineda hat einen feinen, hellen, sauberen Sandstrand, zwei Kilometer lang, vom Wasser der Adria sanft umsäumt. Weiße Badehäuser mit blauen Markisen sind gegenüber dem Meere aufgebaut; man kann Kabinen mieten, was sich als nützlich erweist, da man dann allen Badekram immer am Strand lassen kann. Blaue Liegestühle und blaue Sonnenschirme mit weißen Fransen werden von weißen Badewärtern mit Goldmünzen am braunen Hals und den nötigen Brocken Deutsch in der Kehle ausgeliehen. Duschen, Bar und Eisverkauf sind Selbstverständlichkeiten.

Mietet man eines der Ruderflöße, die am Strande liegen, hat man das weite Wasser der Adria vor sich und um sich; an klaren Tagen sieht man, wenn man nur ein paar hundert Meter vom Strand entfernt ist, die schneebedeckte Alpenkette oder – und das auch vom Strand aus – Dalmatiens Küste, rauchgrau in runden Konturen am östlichen Horizont.