London, im August

Als die Leser der Daily Mail am Donnerstag der vergangenen Woche die Schlagzeile auf der Titelseite ihrer Zeitung sahen, waren sie verblüfft. Je nach ihrer politischen Einstellung wurde es ihnen warm ums Herz oder es lief ihnen kalt über den Rücken. Abgeordnete, die während der Parlamentsferien Stärkung für den bevorstehenden Wahlkampf suchten, eilten zum nächsten Telephon, um ihre Parteiorganisation anzurufen. Die Börsenkurse schossen in die Höhe, in den Wettbüros ging es so wild zu wie sonst nur am Tage der Derbys.

Der Grund all der Aufregung: Die letzte Meinungsbefragung des National Opinion Poll hatte ergeben, daß der Vorsprung der Labour Party, der noch im April 13 Prozent betragen und sich Ende Juli auf vier Prozent verringert hatte nun völlig verschwunden war. Resultat der Berechnungen: die Konservativen dürften bei den Wahlen eine Mehrheit von dreißig Unterhaussitzen erringen.

Der folgende Tag brachte für die erhitzten Gemüter allerdings eine Abkühlung. Im Gegensatz zu ihren Kollegen erklärten nämlich die Auguren des Gallup Poll daß die Labour Party "nach wie vor einen Vorsprung von 6,5 Prozent" habe. So war die britische Öffentlichkeit also wieder so klug wie zuvor...

Aber selbst wenn man die Resultate der Meinungsumfragen nur cum grano salis – das heißt mit einer freimütig zugegebenen Irrtumsmöglichkeit von 2 1/2 Prozent – akzeptiert, kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die Aussichten für die Konservativen wieder viel besser geworden sind, seit Sir Alec Douglas-Home vor zehn Monaten in anscheinend hoffnungsloser Lage die Nachfolge Macmillans antrat. Jedenfalls haben sich die Gewinnchancen der Parteien einander so genähert, daß ein unvorhergesehenes Ereignis das Zünglein der Waage ohne weiteres nach der konservativen Seite ausschlagen lassen kann. Gerade die letzten Wochen haben erkennen lassen, wie leicht Harold Wilson auch durch außenpolitische Faktoren der Stimmen vieler noch schwankender Wähler beraubt werden könnte.

Da war zunächst die Nominierung Barry Goldwaters. Die Labour Party vertritt den Standpunkt, daß eine unabhängige britische Abschreckungswaffe eine sinnlose Vergeudung wertvoller Energien und Steuergelder darstelle; die Verteidigung Englands in einem nuklearen Krieg müsse im Rahmen der NATO-Verträge ausschließlich der Atommacht Amerikas anvertraut sein. Das klang recht attraktiv, als Kennedy lebte. Auch mit Johnson im Weißen Haus war es eine durchaus überzeugende Konzeption. Nun aber, da Goldwater hinter den Kulissen ungeduldig auf seinen Auftritt wartet, erscheint das Argument manchen Engländern nicht mehr ganz so eindrucksvoll.

Auch die Krisen in Südostasien und im Mittelmeer haben Wilson wohl wenig genützt. Die Erfahrung lehrt nämlich, daß der britische "Mann auf der Straße" bei internationaler Spannung eher konservativ reagiert: Er will in unruhigen Zeiten nicht experimentieren, sondern erprobte Männer in der Regierung sehen.