Noch nie in seinem Leben sah Charles de Gaulle so viele Bikinis um sich. Hunderttausende von Badegästen säumten die Straßen und die Ufer von St. Raphael bis Toulon, als der französische Staatspräsident am Samstag die Riviera besuchte. Überall, wo er auf seiner Fahrt anhielt und Hände schüttelte, herrschte eine Stimmung wie beim Karneval. Ein eigenartiger Kontrast zu den Trauermärschen der Militärkapellen und den Gräberfeldern der alliierten Invasion in Südfrankreich am 15. August 1944. Denn ihnen galt der Besuch des Generals.

Der Präsident hat seine eigene Art, an Geschichtsepochen zu denken und Geschichtsdaten zu setzen. Die alliierte Invasion in der Normandie am 6. Juni 1944, der Anfang vom Ende Hitler-Deutschlands, zählt für ihn nicht. Der 20-Jahresfeier vor zwei Monaten blieb er grollend fern. "Die Normandie erweckt beim General keine angenehmen Erinnerungen", entschuldigte ihn einer seiner Mitarbeiter. Roosevelt und Churchill hatten das Unternehmen "Overlord" geplant, ohne de Gaulle zu Rate zu ziehen.

Bei der zweiten Invasion hingegen wurden de Gaulles 286 000 Soldaten der 1. Armee dringend gebraucht. Die Alliierten konnten ihn nicht übergehen. Aber als erste sprangen britisch-amerikanische Fallschirmjäger über den deutschen Stellungen ab, als erste gingen drei US-Infanterie-Divisionen, 10 000 US-Parasund nur 1400 Mann französische Kommandotrupps an Land. Dann erst folgte die 1. Armee, die in vier Wochen bis zum Rhein durchstieß.

De Gaulle hatte Grund, großzügig zu sein. "Dies ist unser gemeinsamer Tag", begrüßte er herzlich den US-Botschafter Bohlen. Aber vor allem war es ein Tag des Triumphes für die von de Gaulle wiedererweckte französische Nation. "Künftig müssen wir alles daransetzen, um uns in dieser gefährdeten Welt selbst zu behaupten. Darum brauchen wir moderne Waffen und unsere eigene Abschreckungsmacht." Aufrecht, würdig, ungebrochen an Körper und Geist stand der alte General den langen, heißen Tag durch. Bewundernd rief einer aus der Menge: "Möget Ihr hundert Jahre leben!" Foto: dpa