Berlin, im August

Der DDR-Staatssekretär Wendt pflegt neuerdings, wenn er mit Senatsrat Korber unter vier Augen zu Passierscheingesprächen zusammentrifft, an dessen vergangene Zeiten in Mitteldeutschland zu erinnern. Korber stammt aus Thüringen und war als Sozialdemokrat bei der Vereinigung von KPD und SPD automatisch Mitglied der SED geworden. "Ihr Vater, der ein alter Sozialdemokrat war, wird das ja noch wissen", sagt er gelegentlich zu dem Westberliner Unterhändler. Oder: "Sie, als Sie noch bei uns waren, werden das sicherlich auch beobachtet haben." Will er gut Wetter machen für weitere Gespräche mit Korber – und nicht nur über Passierscheine?

Doch über Passierscheine wird Korber in diesem Jahr nicht mehr allzu oft verhandeln. Er hat es seinem Gesprächspartner ganz offen erklärt: "Was ich im August von Ihnen nicht bekomme, werde ich im September/Oktober ganz gewiß nicht erreichen." Ende August will Korber daher seinen sechswöchigen Jahresurlaub antreten.

Die derzeitige Verhandlungslage läßt wenig Hoffnung auf Passierscheine für Weihnachten. Noch immer besteht Wendt auf dem Text des "Berliner Protokolls" vom 17. Dezember 1963 mit der Unterschrift "Auf Weisung des Chefs der Senatskanzlei, die im Auftrag des Regierenden Bürgermeisters von Berlin gegeben wurde" und auf dem Antragsformular mit dem umstrittenen Satz "Antrag auf einen Passierschein für Bürger Westberlins zum Betreten der Hauptstadt der DDR". Noch immer muß Korber sowohl die "Hauptstadt der DDR" als auch die Unterschriftsformel zurückweisen. Hierin liegen die wesentlichen Differenzpunkte. Grundsätzliches Einvernehmen scheint dagegen über den Einsatz der Postbeamten erzielt worden zu sein. Unklar ist nur, ob jede Seite die Hälfte stellt und die Aufgaben aufgeteilt werden oder ob die Postler aus Ost und West alles gemeinsam erledigen sollen. Im übrigen scheint Einigkeit darüber zu bestehen, daß es nicht nur zu Weihnachten Passierscheine geben soll, sondern daß jährlich mehrere mehrwöchige Besuchsperioden eingerichtet werden.

Nach Informationen aus Ostberlin ist Staatssekretär Wendt über seine Weisungen recht unglücklich. Wenn zwei Differenzpunkte bestehen, so meinen Wendts Mitarbeiter, so sei eine Lösung nur dadurch zu erlangen, daß man in einem Punkt nachgibt, um den anderen durchzusetzen: Man müßte also den umstrittenen Satz im Antragsformular aufgeben und dafür auf der alten Unterschriftsformel bestehen. Wer wollte, so fragt man, in Bonn wegen der Unterschriftsformel, die seinerzeit im Einvernehmen mit dem Auswärtigen Amt zustande kam, ein neues Passierscheinabkommen scheitern lassen, wenn alle anderen Probleme aus der Welt geschafft seien?

Wendt ist sich durchaus im klaren darüber, warum seine Vorgesetzten in der Passierscheinfrage so starr bleiben, obgleich ein Abbruch der Kontaktgespräche ihnen womöglich noch schwerer fiele als Willy Brandt. Verzichteten sie auf den Ausdruck "Hauptstadt, der DDR" in den Antragsformularen, so wäre das ihrer Ansicht nach ein Akt der Selbstaufgabe. Akzeptierten sie jedoch eine andere Unterschriftsformel, so würden sie gerade das preisgeben, was ihr wichtigstes Ziel war und ist: die Einbeziehung des Senats in einen direkten Kontakt mit der DDR-Regierung. René Bayer