Von Wien war die Rede, eine Spieldose klimperte O du lieber Augustin, alles ist hin, und der Sprecher aus Deutschland, ein sympathischer Herr, fügte erläuternd hinzu, mit der Vergangenheit verglichen sei heute für die Bewohner der Donau-Metropole eben alles eine Nummer zu groß ... Und in der Tat, am Prinzen von Savoyen, an Fischers Barock, gemischt mit preußischen Kanzlei-Elementen, an theresianischem Glanz und selbst an jenem bescheidenen Zeremoniell des ersten Franz Joseph gemessen, das Joseph Roth einst so unvergleichlich beschrieb, erschien die Geschichte von den kleinbarocken Epigonen, die ihrem Otto von Habsburg als Gastgeschenk den in Schokolade gegossenen Vater mitbrachten, allerdings ein wenig bescheiden.

Fast taten sie einem leid, die Wiener von heute, als der Altreich-Sprecher die Fülle der großen Namen beschwor, ein Pandämonium des Geistes und der Macht, in dessen Schatten sich nun die Enkel, halb sehnsuchtsvoll und halb resignierend, zurechtfinden sollen. Kenner des kakanischen Romans sahen sich freudig bestätigt, Liebhaber der Essayistik Hofmannsthals nickten verständig, das Bild schien zu stimmen und die k. u. k.-Monarchie der allein seligmachende schwarzgelbe Maßstab zu sein: Wie sollte man sich auch, erdrückt von seiner eigenen Vergangenheit, anders als literarisch gebärden – zitathaft also, zerstreut und biedermeierlich?

Vorstädter Europas, Menschen im Wartesaal der Zeit, ironisch-elegische Selbstimitatoren: welch Glück, daß diese Charakteristika nur die Hälfte der Wahrheit enthalten! Recht betrachtet, hat die Geschichte der Wiener denn doch auch ihre Schatten, und um der Lebenden willen wären Gütt und Schürenberg nicht schlecht beraten gewesen, wenn sie in ihrem Report zum Beispiel den Namen Hitler angemerkt hätten. Den lieben Augustin und den Schokoladen-Kaiser in Ehren: der März 1938 gehört gleichfalls zum Wiener Barock; wir erinnern uns gut; die Menge jubelte wie nie zuvor, als ein gescheiterter Tapezierer, in dem ihm eigenen Deutsch, vor der Geschichte den Anschluß seiner Heimat an das Großdeutsche Reich konstatierte... Nein, diese Wiener waren mir gar zu papieren und altvörderlich, es fehlte die heimliche Größe, die Schuld, der Zukunftsaspekt, es fehlte, abgesehen von einer grimmigen Heurigen-Szene, die Bösartigkeit. Ein Schuß Qualtinger, angsoffena unterm Christbaum, Sentimentalität und kalte Berechnung, die Heimtücke im Diminutivkleid, die sanften Hinrichtungspraktiken einer jahrhundertelang geschulten Bürokratie: "Wen man bei uns vernichten will", hat Friedrich Heer mir einmal erzählt, "dem schanzt man Sorgen zu und intrigiert solange, bis sein Herz parterre geht."

Qualtinger und Friedrich Heer: auf dem Riesenfriedhof, nahe der alten Straße, die nach Budapest und in die Puszta führt, hätten am Allerheiligentag die Totenlichtlein gebrannt, und statt des Riesenrads wäre ein twistender Programmierer, der Kanzlist von 1964, auf dem Bildschirm erschienen ...

Doch kein Mißmut darum, die Schattenbeschwörung war redlich gemeint, und eine Sekunde lang sah man, leibhaftig und glückverheißend, in einer einzigen Gebärde tatsächlich noch einmal all das gespielt, was den wahren, über alle Niederlagen triumphierenden Charme der Wiener ausmacht. Befragt, warum er sich mit den Russen so gut arrangiert habe, beschrieb Leopold Figl einen Blitzkreis mit seiner Rechten und sagte dazu: "Wir haben halt Erfahrung im Umgang mit den Völkern aus dem Osten." Und dies allein, die Betonung des Wortes Erfahrung, ein wenig nasal, ein wenig aerarisch, die hingeworfene Vokabel halt: so, als ob eine kluge Frau ein altes Hausrezept präsentierte, der souveräne Glaube an die Macht der Tradition, an bewährte Gesittung und erprobten Verkehr unter den Völkern. Dies alles genügte, um die Vorstellung von den armen Österreichern, die die Kunst ihrer Väter nicht mehr verstehen, Lügen zu strafen.

Wir haben halt Erfahrung, das hieß: wir tun, was möglich ist, wir vermeiden Extreme, wir schießen nicht und liegen nicht vor ihnen auf dem Bauch, wir wissen, was Vertrauen ist, und handeln danach.

Sehr nachdenklich, sich unerfüllbarer Wünsche, tolldreister Forderungen und utopischer Proklamationen erinnernd, stellte man ab.

Momos