In den letzten Tagen hatten die Kundenberater der Banken wieder mehr zu tun als in den vergangenen Urlaubswochen. Die freundliche Börsentendenz hat die Kaufbereitschaft auch jener Kunden geweckt, denen es an Mut mangelt, an "schwachen" Börsentagen Aktien zu kaufen. Aber was wird von den Banken zum Kauf empfohlen? Ich habe, meine verehrten Leser, bei den Kreditinstituten herumgehorcht, um zu hören, welche Papiere von den Experten für chancenreich gehalten werden. Selbstverständlich gehen die Ansichten weit auseinander, wobei noch zu berücksichtigen ist, daß jeder Kunde individuell beraten werden muß. Dem "reinen" Aktiensparer müssen naturgemäß andere Papiere angeboten werden als dem "beweglichen" Kunden, der Freude an Spekulationen hat und dafür bereit ist, das damit verbundene Risiko zu tragen.

Die Favoritenstellung unter den "empfohlenen" Aktien halten gegenwärtig unangefochten die Papiere der drei großen IG-Nachfolger BASF, Bayer und Hoechst. Es wird darauf verwiesen, daß diese Aktien in den vergangenen Monaten durch die Verkäufe aus amerikanischem Besitz unter Druck gelegen haben und deshalb zur Zeit noch wesentlich unter ihren in diesem Jahr erreichten Höchstkursen liegen. Wenn man die gute wirtschaftliche Entwicklung der drei genannten Gesellschaften betrachtet, läßt sich die "Vernachlässigung" der Kurse schwerlich rechtfertigen.

Unterschiedlich sind die Auffassungen darüber, welcher Aktie der Vorzug zu geben ist. Bayer nehmen mit einem Kurs von etwa 583 Prozent die Spitzenstellung ein. Die Börse rechnet im kommenden Jahr mit einem Bezugsrecht und verweist darauf, daß den Aktionären ein Ausgabekurs für die jungen Aktien in Aussicht gestellt worden ist, der sie für den nicht gezahlten "Jubiläumsbonus" entschädigen soll. Bei BASF wird neuerdings auch von der Möglichkeit einer Kapitalerhöhung gesprochen, obwohl sich die Gesellschaft in diesem Frühjahr mit Kapital gut eingedeckt hat, nicht zuletzt durch die BASF-Wandelanleihe, deren Kurs in jüngster Zeit auf 106 3/4 Prozent gestiegen ist. Der BASF-Aktienkurs liegt bei 565 Prozent. Er besitzt damit einen Vorsprung von etwa 40 Punkten vor dem Hoechst-Kurs von 525 Prozent.

Die Hoechster Aktien hatten in der jüngeren Vergangenheit nicht nur unter den US-Verkäufen zu leiden, sondern darüber hinaus auch noch unter den Folgen, der letzten Kapitalerhöhung. Nicht alle angebotenen jungen Aktien sind sofort in "feste" Hände gegangen, ein großer Teil konnte erst in den zurückliegenden Monaten plaziert werden. Dieser Vorgang scheint nunmehr abgeschlossen zu sein. In Börsenkreisen hält man es deshalb für möglich, daß sich der Kursabstand zwischen Hoechst und BASF weiter verengen wird.

Für Aktiensparer bieten diese Papiere gute Aussichten. Um so mehr, als man es für möglich hält, daß die Aktien der IG-Farben-Nachfolger künftig auch vom Ausland wieder mehr beachtet werden. In Hoffnung auf Auslandskäufe hat sich auch die Spekulation diesen Papieren wieder zugewandt.

Ebenfalls unter amerikanischen, Verkäufen litten die Kurse der Großbanken. Ihre zeitweilige Abwärtsbewegung hatte mit dem Geschäftsgang der Institute nichts zu tun. Im Gegenteil, es ist mit ausgezeichneten Abschlüssen zu rechnen, allerdings auch wohl mit unveränderten Dividenden von 16 Prozent. Hier spielt die Börsenphantasie mit Bezugsrechten. Sie gelten bei der Deutschen und der Dresdner Bank für wahrscheinlich. Die Commerzbank hatte erst in diesem Frühjahr junge Aktien ausgegeben. Wenn es stimmt, was vorerst nur vermutet wird, daß nämlich die Amerikaner die Verkäufe deutscher Aktien völlig eingestellt haben, dann liegen in den heutigen Kursen (wenn sie auch in der letzten Woche bereits kräftig gestiegen sind) noch einige Reserven. Bei Neuanlagen werden die Aktien der Commerzbank (495 Prozent) oftmals vorgezogen, weil von den drei Großbanken hier die höchste Rendite erzielbar ist.

Im Schatten amerikanischer Verkäufe lagen auch die Elektroaktien AEG und Siemens. Sie wurden erst vor kurzem wieder"entdeckt". Kursmäßig wird die gute wirtschaftliche Situation der deutschen Elektroindustrie noch nicht honoriert, wenngleich zu den gedrückten Kursen zahlreiche institutionelle Anleger ihre Bestände mit diesen Papieren ’aufgefüllt haben dürften. Denn sonst wäre das aus den USA zurückgeflossene Material nicht untergebracht worden. In Fachkreisen schätzt man, daß der Umsatzanstieg in der Elektroindustrie in diesem Jahr bei etwa 10 Prozent liegen wird.