Der Autor dieses Artikels, Georges-Louis Puech, ist Franzose; seit über einem Jahr arbeitet er in der Redaktion der ZEIT mit.

Zum Thema "Ehrenbezeugung gegenüber Offizieren" erteilte der französische General Brissand am 8. Oktober 1916 seinen Soldaten folgende Instruktion: "Wie ein rechter gallischer Hahn sich mit lebhafter Bewegung auf die Fersen zurückwerfen und dabei zackig die Hacken zusammenknallen! Dann Kinn hochreißen und zu sich selber sagen: ‚Ich bin stolz, ein Poilu, ein Landser zu sein!‘ Dann sich hochrecken, an die Mistdeutschen denken und dabei innerlich rufen: ‚Wir werden sie schon kriegen, diese Boches, diese Schweinehunde

Ein halbes Jahrhundert später grüßen sich deutsche und französische Offiziere ohne affektiertes Zutun im Lager von Münsingen auf der Schwäbischen Alb. Französische Offiziere der in Deutschland stationierten 1. Armee lassen sich mit ihren deutschen Kameraden zusammen photographieren. Freundschaftlich legt man einander die Hand auf die Schulter. Die Zeit hat (fast) alle Wunden geheilt.

Auf demselben Gelände, wo Deutsche in drei Generationen für Kriege gegen Frankreich ausgebildet wurden, lernen heute junge Offiziere aus Saint-Cyr gemeinsam mit deutschen Offizieren, wie man Manöver einer französischen Panzerbrigade leitet, in der sich ein deutscher Panzerzug befindet. Schwierigkeiten gibt es da nicht – am wenigsten psychologische. Für die jungen deutschen Offiziere war Frankreich nie der Feind. Für die Franzosen sieht die Sache allerdings etwas anders aus. Freilich stehen sie – "rein sachlich gesprochen" – den Übungen positiv gegenüber, aber ganz ohne Erinnerungen geht es doch nicht ab. "So oft ich einen deutschen Panzer mit dem schwarzen Kreuz sehe, muß ich unweigerlich an 1940 denken", sagte ein Oberstleutnant.

Trotz gewisser Sprachschwierigkeiten ist die Verständigung zwischen französischen und deutschen Offizieren gut. Notfalls behelfen sie sich mit blauen oder roten Kreisen und Pfeilen, die sie auf die gemeinsame Karte zeichnen. Sie reden von Geschützen und Geschossen, sie vergleichen die Panzer und das Gerät wie Landwirte, die ihre Trecker und Dreschmaschinen miteinander vergleichen. Die Verständigung der Franzosen mit den Deutschen soll sogar leichterfallen als die mit Engländern oder Amerikanern. Es gibt viele Gemeinsamkeiten. Haben die Offiziere beider Länder nicht aus demselben Buch von General de Gaulle "Le Fil de l’Epee" gelernt, wie man Panzerangriffe führt?

Die französische Truppe in Deutschland, die ihre Lager im Bereich von Tübingen bis Baden-Baden über Freiburg, Lahr, Bremgarten aufgeschlagen hat, umfaßt heute etwa 70 000 Mann. Überall höre ich: "Wir haben die Krise überstanden!" Welche Krise?

Es ist noch nicht lange her, daß die Armee durch die Ideen, Ressentiments, Verrücktheiten der OAS entzweit und zerrissen war. Die Mitglieder dieser rechtsradikalen Organisation sind aus dem Heer ausgeschieden. Die Zeit der Rebellion ist vorbei. Bei den im Heer Verbliebenen ist jedoch eine gewisse Resignation zu spüren. Das gilt besonders für die Offiziere, die nach 1945 auf der Kriegsschule Saint-Cyr ausgebildet wurden. Sie haben zehn oder fünfzehn Jahre lang tapfer gekämpft und nirgends Siege davongetragen. So haben sie ihren Glauben, ihre Begeisterung verloren. Die "algerische Frage" ist gelöst. Manchmal wird im Kasino oder an der Bar noch davon gesprochen. Sie hat nichts hinterlassen als einen leichten Anti-Gaullismus, der mehr auf Bitterkeit als auf politischer Überzeugung beruht.