Hermann Glaser: Spießer-Ideologie – Von der Zerstörung des deutschen Geistes im 19. und 20. Jahrhundert; Verlag Rombach, Freiburg; 280 Seiten, Paperback 14,80 DM.

Die Krise der Bundesrepublik hat noch nicht begonnen." Das ist, wenn man so will, der einzige tröstliche Satz, zu dem Gläser sich in seiner sonst trostlosen Analyse deutscher Spießerideologie aufzuraffen vermag. Ein Satz zudem, der auf der letzten Seite dieses Buches erscheint und von dem zu sagen wäre, Glaser tat sich sicher schwer mit ihm. Grob gesprochen: soviel aberwitzig-kühnen Optimismus, wer hätte ihm den nach allem, was er auf den 256 Seiten zuvor an Schwarzmalerei zur Schau stellt, überhaupt noch zugetraut!

Glasers literarisches Gruselkabinett ist keine Lektüre zur Erbauung. Das Thema allein läßt derlei Artigkeiten nicht zu, die den Leser, zumal den als Spießer verkappten Leser, besänftigen könnten. Denn so, wie es zwischen den Zeilen aufklingt, ist der Autor nicht völlig davon überzeugt, daß es ihn nicht mehr gibt: den, der an Nietzsches "Raubtier" ebenso hängt wie am Gartenzwerg, der am Stammtisch lacht und zu vorgerückter Stunde brüllt: "Der Hitler war doch ein Mordskerl", der dem "blonden" deutschen Mädel huldigt und an der Millionenzahl der Vergasten herumdeutelt.

Glaser sagt es nicht klipp und klar, daß der Spießer noch nicht ausgestorben ist, daß er aus seinen Winkeln herauslugt. Aber er ist, so pessimistisch wie er in dieser Sozialpathologie die Vergangenheit betrachtet, doch wohl skeptisch genug, die Gartenlauben-Welt der Gegenwart nicht in einem allzu rosigen Licht zu sehen. Doch das sind nur Vermutungen.

Halten kann man sich nur an die Fakten und Kommentare, die der zornige Glaser dem Spießer der zurückliegenden Jahrzehnte widmet. Auch da freilich kann einem schon angst und bange werden, selbst jenem, dem diese Figur stets schon manchen Schrecken einjagte, der von sich aus Luthers antisemitische Ausfälle, Arndts Deutschtümelei, Wagners Heroenpathos als Ärgernisse betrachtete.

Dieser freimütige Leser mochte sich aber auch, sofern er nur selbstkritisch genug war, fragen: War denn ein Hitler, ein Goebbels, ein Rosenberg, ein Himmler nicht möglich ohne diese "Vorreiter"? Glaser nun zieht forsch solche Verbindungsstränge, meint nachweisen zu können, daß hier einer in die Fußtapfen des anderen trat, daß die Welt des Spießers zu Wilhelms und Weimars Zeiten die Welt des Nationalsozialismus war, "Mein Kampf" nur eine militante "Gartenlaube". Weimar ist auch Auschwitz – so könnte Glasers Kurzgeschichte deutscher Kleinbürgerideologie auf eine Kurzformel gebracht werden, wenn sie eben nicht in dieser Form völlig abwegig wäre, nichts als ein Taschenspielerkunststückchen.

Von solchen, auf den ersten Blick frappierenden Tricks indessen strotzt dieser Leitbildkatalog des kleinkarierten Deutschen. Zitate, Belege, Tatsachen gibt es mehr als genug – und Glaser hat hier fürwahr ganze Arbeit geleistet –, um zu dem Schluß zu kommen: Hitler war "unausweichlich". Aber gerade das ist ein Kurzschluß, und der Autor unterliegt ihm leider nur zu willig.