Regierungskredite für Hotels und Motels – 35 000 neue Betten werden gemacht

Von Jochen Willke

Bei einem Besuch in der Bundesrepublik unterhielt sich Viktor Boitschenko, Vizepräsident von INTOURIST, mit unserem Mitarbeiter über die neuesten Pläne des sowjetischen Fremdenverkehrs. Im Gefolge der Liberalisierungspolitik Chruschtschows versucht die Sowjetunion, in die Reihe der traditionellen Reiseländer einzudringen. Der Werbespruch heißt: Jeder, der gute Absichten hat, ist uns herzlich willkommen.

Mit großen Regierungskrediten fördert die Sowjetunion ihren Fremdenverkehr. In den nächsten fünf Jahren will sie zu einem viel – und gern – besuchten Reiseland werden. So sind in den größeren Städten von Rostow bis Minsk und in den Kurgebieten am Schwarzen Meer siebzig bis achtzig neue Hotels mit zusammen 35 000 Betten geplant. An den Hauptstraßen der Autotouristik zwischen Brest, Sotschi und Leningrad sollen dazu vierzig Motels mit 8500 Betten entstehen. Außerdem werden fünfzehn bis zwanzig Campingplätze neu angelegt werden. Das bekannte Hotel "National" gegenüber vom Kreml wird erheblich erweitert. Einer der größten Hotelpaläste der Welt wächst, ebenfalls in Moskau, am Ufer der Moskwa empor: das Hotel "Rossija" für 5800 Gäste.

Diese Zahlen brachte Viktor Boitschenko der Vizepräsident der staatlichen Reiseorganisation INTOURIST, mit nach Deutschland. Er ist über eine Woche lang durch die Bundesrepublik gefahren, um seine westdeutschen Geschäftspartner, vor allem Reisebüros, über die jüngsten sowjetischen Pläne zu unterrichten. Dabei bot er für Reisen in die UdSSR zwei neue billige Kategorien an, die es bisher nicht gab: In Zukunft kann man außer in der teuren Luxus- und kostspieligen Geschäftsklasse auch mit Hotelgutscheinen erster und zweiter Klasse nach Rußland fahren – von den Gesellschaftsreisen abgesehen, die weit unter dem Standardpreis liegen.

Mit Autokarten und Bikini

Warum fördert die Sowjetunion plötzlich den Reiseverkehr so stark? Warum wird, wie INTOURIST ankündigt, die Visaerteilung weiter vereinfacht und beschleunigt? Schon in diesem Frühjahr warben Prospekte mit Bikinidamen, farbige Autokarten, Plakate und Broschüren für einen Urlaub in Rußland. Sind es die Devisen, die Moskau locken, hat es politische Gründe, und gehört ein gesteigerter Fremdenverkehr zur Fortsetzung der Liberalisierung?