FÜR Leser neuerer russischer Literatur und für Leute, die ihr Bild vom europäischen Expressionismus zu erweitern wünschen –

Angelo Maria Ripellino: "Majakowskij und das russische Theater der Avantgarde", aus dem Italienischen von Marlis Ingenmey; collection theater, 2, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 340 und 16 Photo-Seiten, 16,80 DM.

ES ENTHÄLT: Alles über Majakowskij, vieles von ihm und im übrigen sehr viel mehr, als der Titel verspricht. Gestützt auf das dramatische Werk eines Dichters, der wie kein anderer die russische Moderne geprägt hat, verfügt der Verfasser souverän über das gesamte Werk Majakowskijs, stellt umsichtig Vergleiche an mit anderen Akteuren des russischen Futurismus (W. Chlebnikow, I. Sewerjanin, Kamenskij, O. Brik, den Gebrüdern Burljuk und Boris Pasternak) und macht, niemals aufdringlich, bekannt mit Regisseuren wie Meyerhold, Wachtangow, Tairow und Sergej Eisenstein ("Von den Jahrmarktsbuden zu Meyerhold", "Majakowskij und der Film"), mit den Großen der Bildenden Kunst, die ja als erste die Brücke – zum "Blauen Reiter" beispielsweise – geschlagen hatten.

ES GEFÄLLT zunächst natürlich als umfassende (meines Wissens erste ernsthafte) westliche Majakowskij-Monographie und als vielseitige Übersicht über das Theaterleben im Rußland der Zwanziger Jahre, als atmosphärischer Querschnitt, der den Anspruch erheben darf, die Geschichte einer explosiven jungen Künstlerbewegung dargestellt zu haben. Es gefällt besonders, weil dabei die Lebendigkeit jener Epoche den Stil ihres Historiographen geprägt hat. Ripellinos geschickt, wenngleich spärlich illustrierte Studie liest sich nirgends wie die Studie eines Dozenten für russische Sprache und Literatur (an der Universität Rom), sondern wie amüsante und amüsierte Erzählung.

R. B.