/ Von Wolfgang Leonhard

Der Tod von Thorez und Togliatti bedeutet nicht nur einen schweren Schlag für die kommunistischen Parteien in Frankreich und Italien, sondern auch für Moskau. Die beiden standen an der Spitze der größten kommunistischen Parteien der westlichen Welt und waren in den letzten Jahren, wenn auch in unterschiedlichem Maße, wertvolle Bundesgenossen des Kremls im Kampf gegen die Pekinger Richtung.

Thorez und Togliatti hatten manches gemeinsam. Beide gehörten den kommunistischen Parteien ihrer Länder seit der Gründung an – Thorez seit 1920, Togliatti seit 1921. Schon wenige Jahre später rückten beide in das Zentralkomitee ihrer Parteien auf und schlugen sich beide während der innerparteilichen Auseinandersetzungen nach dem Tode Lenins auf die Seite Stalins. Schon seit Ende der zwanziger Jahre stand Togliatti an der Spitze der (damals illegalen) KP Italiens, und Thorez war seit 1930 Generalsekretär der KP Frankreichs.

Nach dem XX. Parteitag der sowjetischen KP im Februar 1956, der eine scharfe Kritik an Stalin und die Verkündung neuer politischer Thesen brachte, traten jedoch deutlich die Unterschiede, ja Widersprüche zwischen Thorez und Togliatti auf. Die von Thorez geführte KP Frankreichs stand den Beschlüssen des XX. Kongresses und der Entstalinisierung zunächst reserviert gegenüber. Nur zögernd entschlossen sich Thorez und seine engsten Kampfgefährten, Waldeck-Rochet und Jaques Duclos, die Abkehr von Stalin zu unterstützen und sich dem neuen von Chruschtschow verkündeten Kurs anzupassen. Nachdem dies jedoch – etwas verspätet – einmal geschehen war, stand die von Thorez geführte KP Frankreichs wieder fest und unbeirrt auf Seiten Moskaus und wurde vor allem in den letzten Jahren zu einem der treuesten und zuverlässigsten Verbündeten der Sowjetführung.

Römische Avantgarde

Anders verlief die Entwicklung der von Palmiro Togliatti geführten KP Italiens. Die auf dem XX. Parteitag in Moskau verkündete Kritik an Stalin, die neue These vom unterschiedlichen Weg zum Sozialismus in verschiedenen Ländern und die Möglichkeit, die sozialistische Umgestaltung auf friedlichem Wege zu vollziehen, wurde von der KP-Zentrale in Rom begeistert akzeptiert. Togliatti nahm die Kritik an Stalin zum Anlaß, um die Frage aufzuwerfen, wie es eigentlich zum "Überhandnehmen bürokratischer, autoritärer Führungsmethoden" kommen konnte und warum die Sowjetgesellschaft "bis zur Degeneration abweichen konnte und abgewichen ist". Die These vom unterschiedlichen Weg zum Sozialismus diente ihm dazu, die völlige Autonomie aller kommunistischen Parteien zu fordern, weil das sowjetische Modell "nicht mehr obligatorisch sein kann und darf". Statt dessen sei, so verlangte er, ein "polyzentrisches System" anzustreben und in der kommunistischen Weltbewegung dem "Verlangen nach einer ständig wachsenden Autonomie" Rechnung zu tragen. Mit dieser Erklärung Togliattis war die italienische KP innerhalb der Weltbewegung zur Avantgarde der Entstalinisierung und des Reformkommunismus geworden – eine Position, an der sie seitdem festgehalten, ja, die sie weiter entwickelt hat.