Von Dieter E. Zimmer

Es liegt neunzehn Jahre zurück. Am 6. August 1945, nachts um 1 Uhr 37, startete auf der pazifischen Insel Tinian ein Bomber vom Typ B 29, mit dem Pokernamen Straight Flush, unter dem Kommando eines Majors Claude Eatherly zur Special Bombing Mission No. 13, auf die er und seine Besatzung zehn Monate lang vorbereitet worden waren. Um 7 Uhr 09 erreichte er sein Ziel, und Major Eatherly gab folgenden Funkspruch an eine in einem Zeitabstand von einer Stunde und acht Minuten folgende B 29 namens Enola Gay weiter: „Wolkendecke in allen Höhen weniger als drei Zehntel. Ratschlag: Hauptziel bombardieren“. Die Enola Gay erreichte es um 8 Uhr 15 und entledigte sich ihres zehntausendpfündigen „Dings“. Es tötete 80 000 bis 200 000 Menschen.

Das war Hiroshima: der Anbruch des Atomzeitalters.

In den neunzehn Jahren nach diesem Tag wurde der Major Eatherly zu einer legendären Figur. Er war, dem Vernehmen nach, der einzige Angehörige jener Bombergruppe, der mit seinem Teil an der Vernichtung nicht fertig wurde, der Reue empfand, eine so große Reue, daß sie sein Leben fortan ruinierte, ihn zu kriminellen Taten trieb, ihn in Gefängnisse und wiederholt in eine Heilanstalt brachte.

Zeitungen und Zeitschriften in Amerika, Europa und Japan berichteten über den einstigen „Helden von Hiroshima“, ein Opfer seiner Opfer, obwohl er damals nicht mehr gewesen war als ein kleines Rad in einer großen Vernichtungsmaschine. Gedichte, ein Theaterstück, ein Fernsehspiel, ein Filmdrehbuch wurden über sein Schicksal verfaßt. Atomwaffengegner und Pazifisten in aller Welt nahmen sich seiner an. Robert Jungk nannte ihn den „heiligen Toren“, der „die gerade herrschende Schicht und ihre zerfallende Moral durch sein Anderssein herausfordert und bloßstellt“.

Zur internationalen Publizität des Falles Eatherly trug vor allem die Veröffentlichung seines Briefwechsels mit dem Wiener Philosophen und Publizisten Günther Anders bei („Off limits für das Gewissen“, Rowohlt-Paperback, 1961). Anders hatte einen ersten Brief an Eatherly gerichtet, nachdem er am 25. Mai 1959 in Newsweek auf eine Beschreibung des Falles gestoßen war; Eatherly antwortete, und von nun an gingen Briefe zwischen Wien und dem Veterans Administration Hospital in Waco (Texas), dem damaligen Aufenthalt Eatherlys, hin und her. Für Anders wurde Eatherly dabei – wegen seiner damaligen Internierung – zu einem „amerikanischen Dreyfus“ und (Brief 65) neben Eichmann zur „beispielhaften Figur der heutigen Epoche“: der schuldlos schuldige Täter, der sich seine moralische Gesundheit bewahrte und diese gerade durch seine Abnormität ausdrückte. „Gäbe es Dich nicht als Gegenfigur (zu Eichmann), wir hätten allen Grund, in dieser Eichmann-Zeit zu verzweifeln.“

Dann erschien vor einigen Monaten in den USA (bei Putnam) und vor kurzem auch in England (bei Heinemann) ein dreihundert Seiten starkes Buch, das, in deflationistischer Absicht geschrieben, ein ganz anderes Bild des Majors Eatherly entwarf: „The Hiroshima Pilot“ von William Bradford Huie. Huie hatte anderthalb Jahre lang recherchiert: Er prüfte Eatherlys Militärdossier, sprach mit seinen ehemaligen Kriegskameraden, seiner geschiedenen Frau, seinen Brüdern, seinen Bekannten, seinen Ärzten, seinen Rechtsanwälten, Richtern und Schöffen, und er verglich seine Ergebnisse mit dem Eatherly-Mythos. Hat Huie recht, so bleibt von diesem wenig übrig.

Huies Eatherly sieht so aus: Ein ehemals guter Pilot, beliebt bei seinen Kameraden, hinter den Frauen her, groß im Glücksspiel, der seine erste große Enttäuschung erlebt, als nicht er, sondern Colonel Tibbets die Hiroshima-Bombe werfen darf, als er an dem Angriff auf Nagasaki überhaupt nicht mehr beteiligt wird und andere den Ruhm und die Orden davontragen; dessen militärischer Ehrgeiz einen weiteren Dämpfer erhält, weil er bei dem Bikini-Test nur eine Nebenrolle spielen darf; der aus der Luftwaffe hinausgeworfen wird, weil er bei einer schriftlichen Arbeit schummelt; den nicht etwa die Diskrepanz zwischen der Heldenrolle, die ihm die amerikanische Gesellschaft zugedacht hatte, und der Zerstörerrolle, deren er selber sich bewußt war, verstörte und zu antisozialen Handlungen trieb, sondern dessen persönliche Schwierigkeiten gerade darauf zurückgingen, daß er diese Heldenrolle niemals spielen durfte.

Der, des weiteren, zwei Jahre später gegen eine versprochene und nie gezahlte Entlohnung von 100 000 Dollar an dem geplanten Coup eines Abenteurers beteiligt war, der Kuba erobern und den USA einverleiben wollte, ein Coup, der gerade noch rechtzeitig entdeckt wurde, ehe Eatherly das schlafende Havanna bombardieren konnte. Und danach wurde Huies Eatherly im zivilen Leben immer mehr zu einer bedauernswerten, durchschnittlichen verkrachten Existenz: ein Trinker, ein Glücksspieler, von seiner Familie nach geduldigen Mühen aufgegeben, der es in keiner Stellung lange aushielt, immer wieder wegen kleiner Betrügereien mit dem Gesetz in Konflikt geriet, sich seit 1950 seiner privaten Schwierigkeiten wegen (und weil er nur so zu einer Invalidenrente kommen konnte) wiederholt in Anstaltsbehandlung begab und der, als ihm 1957 für einen dilettantischen Raubüberfall auf zwei texanische Postämter Zuchthaus drohte, Unzurechnungsfähigkeit für sich in Anspruch nahm.

Zu dieser Zeit sei ihm, angeregt durch einen seiner Psychiater und die Artikelserie eines Polizeireporters aus Dallas, die Möglichkeit bewußt geworden, seine kriminellen Delikte mit Hiroshima in Verbindung zu bringen – und von nun an habe er, bestärkt von der um sich greifenden Publizität seines Falles und schon immer zu Aufschneidereien aufgelegt, an diesem Bild weitergebaut. Ein reuiger Eatherly, der Hiroshima im Gegensatz zu seiner Umwelt nicht bewältigt hatte, durfte wieder eine bedeutende Rolle spielen, berühmte Männer versicherten ihn seiner Wichtigkeit, und immer mehr unfähig, Wahrheit von Erfindung zu unterscheiden, wuchs Eatherly in das Bild hinein, das man sich von ihm zu machen wünschte. Ein Chaos von einem Leben also, das sich erst in der Lüge halbwegs konsolidierte.

Soweit Huie. In der ZEIT berichtete Edmund Wolf vor zwei Wochen über dieses Buch und über den Helden, der sich als hohl herausgestellt hätte. Es scheint uns richtig, heute nun auch der anderen Seite das Wort zu geben: Eatherlys Freund Günther Anders, der wie kein anderer dazu beitrug, daß aus Eatherly eine Modellfigur wurde.

Wir können es leider nicht tun, ohne einige Bemerkungen an seine Darstellung zu knüpfen.

Huies Recherchen dauerten anderthalb Jahre. Sein Buch besteht zu einem überwiegenden Teil nicht aus Interpretationen, sondern aus Dokumenten: Briefen, Protokollen, Artikeln, Tonbandaufzeichnungen, Gesprächen. Dutzende von namentlich genannten lebenden Personen werden zitiert. Die Fülle des Materials, das er beibringt, ist imposant. Wer ihn widerlegen wollte, hätte mindestens ebenso ausgedehnte Nachforschungen anzustellen – der Nachweis, daß der eine oder andere Sachverhalt von ihm schief geschildert wurde, selbst der Nachweis von ein paar Irrtümern restauriert den Mythos noch nicht.

Ich selber kenne den Briefwechsel Eatherly-Anders. Ich kenne Huies Buch, ich kenne Anders’ Antworten darauf in der Süddeutschen Zeitung (15. 5. 64) und der Stimme (15. 6. 64). Ich kenne die beiden Newsweek-Artikel, die aus dem lokalen Fall einen internationalen machten. Ich kenne die romanhaft aufgearbeitete Eatherly-Story von Hans Herlin („Kain, wo ist dein Bruder Abel“), die 1960 – in fünfzehn Fortsetzungen – im stern erschien. Im Besitz von neuem faktischen Material bin ich nicht: ein Leser, der Argument neben Argument sieht und gewärtig sein muß, sein Urteil zu revidieren, sobald ihm neue Tatsachen begegnen. Als dieser Leser also muß ich folgendes sagen.

Die „skrupulöse Objektivität“, die der Klappentext der englischen Ausgabe von „The Hiroshima Pilot“ verspricht, vermisse ich durchaus. Viele der mitgeteilten Gespräche, unter anderem die mit Eatherly, bei denen der Pilot ins Unreine spricht und der Autor nur allzu sehr ins Reine, werden in wörtlicher Rede wiedergegeben, ohne daß Huie irgendeine Erklärung gäbe für eine so wundersame Gedächtnisleistung. Huies Zweifel, die er jedem Wort von Eatherly entgegenbringt, erstrecken sich nicht in gleichem Maße auf die Beteuerungen der Gegenseite, zum Beispiel auf die eines Anstaltsarztes, die amerikanische Luftwaffe hätte nie irgendeinen Druck ausgeübt, Eatherlys Freilassung zu verhindern. Eatherlys Veröffentlichungen, wenn es solche gibt und sie nicht nur Ausgeburten einer geltungssüchtigen Phantasie sind, werden nicht in Betracht gezogen, obwohl sie unerläßlich wären für ein vollständiges Porträt. Die Ahnungslosigkeit, mit der Huie seine Untersuchungen begonnen haben will, ist einem derart hartgesottenen und gerissenen Reporter nicht zu glauben. Im ganzen Buch deutet kein Wort darauf hin, daß Hiroshima und die vorstellbare und absehbare Vernichtung der Menschheit den Autor in irgendeiner Weise betroffen gemacht hätten. Ein sympathisches Buch ist es nicht, und Mißtrauen ist angebracht.

Jedoch: daß Huie das Buch im Auftrage und im Lohn der amerikanischen Luftwaffe oder einer anderen, im Dunkeln bleibenden Institution verfaßt habe, um mit der Entlarvung desjenigen, der Hiroshima bereut, Hiroshima zu rechtfertigen, ist eine Unterstellung. Wenn Tatsachen und Fiktion so weit auseinanderklaffen, wie Huie es beschreibt, so ist das Vorhandensein einer derartigen Täuschung Herausforderung und Rechtfertigung genug; und auch, wenn es eine humane Illusion war, ist ihre Zerstörung nicht verwerflich.

Was Günther Anders über Huies publizistische Vergangenheit herausgefunden hat, ist für die Sache ziemlich irrelevant. Ein gestürztes Denkmal wird nicht dadurch wieder aufgerichtet, daß man dem, der es zu Fall gebracht hat, nachweist, früher mit schmutzigen Fingern herumgelaufen zu sein.

Was das Zeugnis von Eatherlys geschiedener Frau angeht, so steht Aussage gegen Aussage. Zu dem Reporter von Parade (dem übrigens Huie manchen Unsinn nachweist) soll sie gesagt haben: „Er fühle sich schuldig wegen der Bebombung...“ Huie aber zitiert sie so: „Uns hat er jedenfalls nichts davon gesagt, daß er sich schuldig oder von Gewissensbissen geplagt oder sogar verstört fühle von irgend etwas, das er im Zweiten Weltkrieg getan hat.“

Dem einen Zeugnis von Eatherlys frühzeitiger Reue, das Anders anführt, stehen in Huies Buch eine ganze Reihe von Aussagen entgegen, die Eatherlys Gleichgültigkeit in dieser Hinsicht behaupten.

Huie sagt nicht: Eatherly habe angegeben, Hiroshima bombardiert zu haben; er widerlegt vielmehr die verschiedenen Zeitungsberichte, die ihm eine solche Rolle zuschrieben. Tatsache ist, daß in fast allen Berichten die mißverständliche Wendung „he lead the attack“ auftaucht, „er führte den Angriff“. Dagegen teilt er ein Gespräch mit Eatherly mit, in dem dieser zugibt, damit renommiert zu haben, daß er durch den Atompilz von Hiroshima geflogen sei und auch bei dem Angriff auf Nagasaki mitgewirkt habe.

Als Beleg dafür, daß die Eatherly-Legende in die kommunistische Propaganda eingespannt worden sei, zitiert Huie des längeren aus dem Stück des jungen Ostberliner Dramatikers Rolf Schneider, „Prozeß Richard Waverly“.

Obwohl Günther Anders’ Absicht, Eatherly mit seinen Briefen zu helfen und nur zu helfen, obwohl seine Integrität über jedem Zweifel stehen, hat ihre Korrespondenz für mich einen peinlichen Beigeschmack. Sie zeigt einen Mann, der, gestützt auf eine höchst dürftige Kenntnis der näheren Umstände des Falles und mit einer von vornherein fertigen Meinung dazu, sich in das Unglück eines ihm geistig weit unterlegenen Fremden hineindrängt, seinen Gewissensqualen Beifall spendet, ihm dafür säkulare Bedeutung verheißt und ihm vom ersten Wort an eine Rolle zudiktiert, die nur als ganze anzunehmen oder auszuschlagen ist.

Genugtuung, Schadenfreude – das ist gewiß die niedrigste Reaktion auf Huies Buch. Aber solange er nicht der Lüge überführt ist, wird man sich mit dem Gedanken vertraut machen müssen, daß das Eatherly-Bild, an dem viele Menschen gehangen haben, demoliert ist, daß es auch diesen einen Gerechten nicht gibt und nicht gab.

Doch hängt wirklich soviel ab von den Spekulationen über die Echtheit der Gefühle eines Mannes? Daß sich die Gesellschaft den einen Gerechten wünscht und geschaffen hat – das ist ein Umstand, der mir wichtiger erscheint.

Wie überhaupt der Fall Eatherly mit Huies Buch nicht zu einem Nichts, einer tragikomischen Falschmeldung zusammengeschrumpft ist, sondern vielmehr in einem weiteren Sinn ein Fall wurde, ein Miniaturmodell, an dem sich manches über den Zustand der Gesellschaft studieren läßt. Das Bedürfnis nach einem Helden, in dem das Unübersichtliche faßbar wird. Die latenten Schuldgefühle. Die Kaltblütigkeit der Befehlsempfänger. Die Unverläßlichkeit der Gewissen, die einkalkulieren muß, wer andere Verhältnisse will. Die Leichtgläubigkeit derer, die über Ideen die Tatsachen aus dem Auge verlieren. Die Unzulänglichkeit der Psychiatrie. Der Mechanismus, mit dem sich die Kommunikationsindustrie eines hilflosen Menschen bemächtigt: der ehrgeizige Reporter, der seine Geschichten nur ein wenig frisiert, um einen Preis dafür zu ergattern; die Relais-Stationen, deren jede eine Nachricht nur ein wenig mehr verfälscht; das Werbefernsehen, das aus einem Leben ein Rührstück macht, um Zigaretten zu verkaufen; die Filmleute, die nach den Gesetzen Hollywoods bis zur Unkenntlichkeit dramatisieren; der junge kommunistische Stückeschreiber, der Gerüchte seinem schablonenhaften Weltverständnis assimiliert. Auch der Mann, der als untadeliger Ritter der Wahrheit daherkommt, eine Legende zu zerstören, und von der Bedingtheit und Funktionalität seiner Rolle keine Ahnung haben will.

Das alles zeigt ihn in der Tat, den neuen Menschen im Zeitalter der Technik, der eingespannt ist in unüberschaubare Abläufe, denen weder seine Vorstellungskraft noch seine Verantwortung gewachsen sind, den Anders und Jungk vorzüglich in dem Bomberpiloten Eatherly zu sehen meinten – und der doch die Welt bevölkert.