Jedesmal wenn ich Frankfurter Würstchen esse, betrachte ich angelegentlich ihre Haut. Sie interessiert mich fast ebenso wie der Inhalt. Ich überlege immer, auf welchen fernen Gefilden der ursprüngliche Besitzer wohl graste. Mein; Passion in Wursthäuten wurde auf einem Flug von Karachi nach Kabul geweckt und zwar in einem Schnellkursus. Mit voller Berechtigung könnte ich sogar sagen: "Wie ich in einer Stunde zum Wursthautfachmann wurde."

Das war vor einigen Jahren. Ich war mit meiner Filmgruppe der großen Völkerwanderung auf der Spur, die seit eh und je bis auf den heutigen Tag über das Hindukusch-Gebirge zieht. Ihr Ziel ist: Gras. Zweimal im Jahr ergießt sich ein Menschenstrom wie eine gigantische Flut bergab, aber auch bergauf. Im Frühling nordwärts aus der von der Sonne versengten Ebene in die Höhe der Berge zum afghanischen Hochplateau, im Herbst, wenn die Höhen abgegrast sind und eisige Bergwinde den Winter ankündigen, wieder zurück in die dann wieder grüne Ebene.

Unsere Dakotamaschine flog über die glühende Sandwüste Sind und sackte öfter in Luftlöcher ab. Neben mir saß ein Schwede, den ich bereits im Vorjahr in Nepal getroffen hatte. Hochgewachsen, ernst und würdig, oft seine Hornbrille putzend, war er das Urbild eines höheren Diplomaten. In seiner eleganten Aktentasche vermutete ich hochwichtige Staatsverträge. Deshalb suchte ich krampfhaft in meinem Gedächtnis nach geeigneten Themen für schwedische Diplomaten. Zuerst blieb er jedoch wortkarg, doch dann erzählte er mir, daß er überall dorthin reist, wo es große Schafherden gibt, ganz einfach um Därme zu kaufen. Därme für Frankfurter Würstchen. Jetzt sei er auf der Reise nach Kabul, um dort einzukaufen. Wenn wir überhaupt je dort landeten, meinte er mit einem Blick auf die vorbeistiebenden Berggrate. Es war sehr stürmisch, und unsere Maschine wurde von einer Riesenfaust hin- und hergeschüttelt, und als ein Felsen durchs Fenster zu stoßen drohte, griff ich gern nach der Wursthaut als Rettungsring und bat den Schweden um eine gründliche Darlegung der Probleme auf dem Wursthautmarkt. Geschmeichelt, aber auch erstaunt über mein Interesse, hielt mir mein Reisegefährte eine Lektion. Dabei öffnete er die elegante Aktentasche, aus der statt der Staatsverträge säuberlich gefalzte Darmhautmuster hervorquollen, die noch durch hübsche, bunte Bänder differenziert waren. "Sehen Sie, das hier sind die heurigen australischen Häute. Miserable Qualität, nicht zu gebrauchen, weil sie wie Zunder reißen. Dann platzen die Würstchen beim Sieden und es regnet Reklamationen."

Im Flug lernte ich die erregendsten Dinge über die Darm Wirtschaft. Während meine eigenen Eingeweide sich beim Absacken der Maschine umdrehten, erfuhr ich a) daß sich nur Schafdärme für bessere Würstchen eignen und b) daß es, wie beim Wein so bei den Därmen, gute und schlechte Jahre gibt. Das hängt immer davon ab, ob große Trockenheit herrschte, oder ob es genügend regnete und das Gras saftig und fett war. Während ich Darm-Zerreißproben machen mußte, erzählte mir der schwedische Experte, daß er immer auf der Jagd nach Därmen sei. Von Australien bis Innerasien zöge er den Därmen nach.

Wir landeten; und durch seinen Vortrag so hingerissen, betrachte ich seitdem jede Wursthaut mit einer gewissen Zuneigung.

H. M. Nieter O’Leary