Bethmann Hollweg: Staatsmann im Widerspruch zu sich selbst

Von Karl Dietrich Erdmann

Golo Mann hat an dieser Stelle den Zweiten Weltkrieg als eine Wiederholung des Ersten interpretiert, zugleich aber den wesentlichen Unterschied aufgezeigt, der sich schon in den Begriffen "Ausbruch" für 1914 und "Entfesselung" für 1939 ausprägt. Noch krasser wirkt der Unterschied, wenn man die leitenden deutschen Staatsmänner, den kaiserlichen Reichskanzler Theodor von Bethmann Hollweg und den Diktator und Demagogen Adolf Hitler, einander gegenüberstellt. Dennoch wird Bethmann Hollweg neuerdings als größenwahnsinniger Weltmachtpolitiker, als ein Vorläufer Hitlers angeprangert. Welche Vorstellungen diesen so schwer durchschaubaren Mann beim Kriegsausbruch bewegt haben, erfahren wir zum erstenmal aus Tagebuch-Aufzeichnungen, die der Kieler Historiker Karl Dietrich Erdmann aufgefunden hat. Er ließ sich von dieser bedeutsamen Geschichtsquelle zu einer Studie anregen, aus der wir Auszüge veröffentlichen, die sich auf Außen- und Kriegspolitik beschränken. Der vollständige Aufsatz erscheint in der September-Nummer der Monatsschrift "Geschichte in Wissenschaft und Unterricht" (Klett-Verlag, Stuttgart).

An einem Kreuzweg unserer Geschichte steht Bethmann Hollweg, der Kanzler, unter dem das Reich in den Ersten Weltkrieg ging ... Seine Gestalt hat sich dem Gedächtnis der Nation kaum eingeprägt. Ungenau sind ihre Umrisse ...

Die Memoiren der Zeit reflektieren den Eindruck seiner Person, so daß man sich ein Bild davon machen kann, wie er auf seine Umgebung wirkte. Was er eigentlich im Sinne führte, blieb dabei in erstaunlichem Maße zwielichtig ... Es ist daher ein unersetzlicher Verlust, daß seine persönlichen Papiere, die auf seinem märkischen Gut Hohenfinow aufbewahrt wurden, vernichtet sind. Um so wertvoller sind die Aufzeichnungen eines Mannes, der fast während der ganzen Kanzlerschaft Bethmann Hollwegs als dessen Gehilfe um ihn war. Kurt Riezler, einer bayerischen Beamten- und Gelehrtenfamilie entstammend, trat nach einem Studium der klassischen Altertumswissenschaft im Jahre 1906 in den Dienst des Auswärtigen Amtes. Bethmann Hollweg zog ihn in seine Nähe. Von 1912 an war er fast täglich um ihn ...

Riezler hat Tagebuch geführt... Diese Notizen ... stellen wohl die gleichmäßigste und unmittelbarste Spiegelung der Gedanken und Stimmungen Bethmann Hollwegs dar, die wir besitzen ... Riezler und Bethmann Hollweg begegneten sich in einem verwandten Weltverständnis. Beide waren im Grunde ihrer Seele von Resignation erfüllt gegenüber dem unabänderlichen Gang der Dinge. So jedenfalls charakterisiert Karl Alexander von Müller zutreffend die philosophischen Ansichten Riezlers, wie sie in seinen Schriften vor dem Kriege zum Ausdruck kamen: "Seine Grundlehre aber schien, die Kraft des persönlichen Willens in der modernen Welt überhaupt zu leugnen: für ihn gebe es heute keinen Spielraum mehr; die Verhältnisse seien zu mächtig geworden; alles komme mehr auf die Konstellation an." Und ähnlich Riezler über Bethmann Hollweg: "Der Kanzler sieht ein Fatum, größer als Menschenmacht, über der Lage Europas und über unserem Volke liegen." (27. Juli 1914).

Man ist erschrocken, wenn man das Datum dieser Notiz liest: 27. Juli 1914, also kurz vor dem Höhepunkt der Krise, die zum Weltkrieg führte. Dieser Fatalismus war pessimistisch gestimmt, wie der jugendlichere Riezler – damals 32 Jahre – immer wieder klagte ...