Von Joachim Schwelien

Washington‚ im August

Einige Monate nach den Schüssen von Dallas bemerkte Lyndon B. Johnson in einer Fernsehplauderei am Kamin des Weißen Hauses, er sei vielleicht kein großer Präsident, doch bemühe er sich, ein guter zu sein. Wer seine Tätigkeit in dem Dreivierteljahr seiner Amtstätigkeit betrachtet, kommt zu dem Schluß, daß Johnson auf jeden Fall ein tüchtiger Präsident ist.

Er hat zur Verwirklichung des innenpolitischen Programmes der demokratischen Administration vom Kongreß mehr erlangt, als sogar sein legendäres Geschick im Umgang mit Politikern hatte erwarten lassen. In der Außenpolitik schob er unbequeme Entscheidungen zwar auf die lange Bank, wo sich der Staub über sie senkt, wenn die Situation es erforderte, handelte er jedoch auch entschlossen und unbekümmert. Die Maschine der demokratischen Partei hat er fest im Griff, wenn auch hier und da ein Segment abbröckelte, unter den konservativen Segregationisten im Süden, um den liberalen Kennedy-Klan im Norden. Johnsons Popularität ist groß; nachdem er anfänglich mit etwas seichten Methoden um Volkstümlichkeit haschte, gibt er sich jetzt mehr mit staatsmännischer Würde. Die Verwaltung hat er nach seiner Amtsübernahme nicht umgekrempelt, die personelle Zusammensetzung nur im innersten Ring seines Mitarbeiterstabes im Weißen Haus verändert. Was von der Mannschaft John F. Kennedys verblieb, hat sich ihm angepaßt und ist nolens volens ein Johnson-Team geworden.

Der Texaner hat also Boden unter den Füßen. Aus diesem Stand will er sein Amt im Wahlkampf verteidigen, will er am 3. November möglichst mit großer Mehrheit auf vier Jahre wiedergewählt werden, will er dem republikanischen Kandidaten Barry Goldwater eine Abfuhr erteilen. Johnson hat in den neun Monaten seit dem 22. November 1963 wohl keine Entscheidung gefällt, ohne ihre Wirkung auf die Präsidentenwahl zu berücksichtigen. Er gelangte durch ein tragisches Ereignis in sein Amt, er war "Nachfolger"; jetzt will er beweisen, daß er imstande ist, die ursprüngliche Legitimation der Wahl durch das Volk zu erlangen. Darum ist er bemüht, dem Vergessen anheimfallen zu lassen, was an die "Ära Kennedy" erinnert; sie soll zur Ära Johnson überleiten.

Hier jedoch zeigt sich die schwache, manchmal wunde Stelle am Präsidenten Lyndon Baines Johnson. Wie erfolgreich er immer sein mag, von ihm strahlt nichts aus, das Charisma fehlt, ja sogar der Charme, der Barry Goldwater trotz seinen politischen Eskapaden erträglich macht. Johnson treibt an, doch er inspiriert nicht. Er ist ein guter Gastgeber und kann eine amerikanische Abart von "Gemütlichkeit" um sich verbreiten, aber seine Nähe erwärmt nicht. Er kann die Massen überzeugen, aber nicht faszinieren. Wenn er spricht, belehrt er (er hat ja auch als Lehrer begonnen), aber er reißt nicht mit zum aufklärenden Gedankenflug. Und er ist außerstande, einen Fehler mit so großer und gelassener Geste einzugestehen, daß ihm das Recht, ihn begangen zu haben, eingeräumt wird.