Von Kurt Wendt

Die Krisen in Vietnam, auf Zypern und im Kongo haben die Kursbildung auf den deutschen Aktienmärkten kaum beeinflußt. Nicht wenige Börsianer spekulierten auf schwache Krisenkurse. Da sich jedoch niemand nervös machen ließ und keine Angstverkäufe vorgenommen wurden, gingen die Hoffnungen der Spekulation nicht in Erfüllung. Groß schienen sie ohnehin nicht gewesen zu sein, denn die Spekulation wagte nicht einmal den ernsthaften Versuch, durch massierte Verkäufe der erhofften Abwärtsbewegung etwas nachzuhelfen. Resigniert zuckten schließlich die Baissiers mit den Achseln: "Die Börse will eben nach oben..."

Natürlich geht es vielen Börsianern mit der Aufwärtsbewegung nicht rasch genug. Das Konjunkturbarometer der Bundesrepublik zeigt zwar eindeutig ein "Hoch" an, aber es fehlt vorerst noch der Mut breiter Sparerkreise, daraus die Konsequenz zu ziehen. Die Banken berichten, daß ein großer Teil ihrer Kundschaft über Mittel zum Aktienerwerb verfügt, aber nur schwer zu bewegen ist, Anlageempfehlungen zu folgen.

Kann das Warten nützlich sein? Tatsächlich gibt es Meinungen, die darauf basieren, daß der Herbst mit seinem saisonal hohen Geldbedarf den deutschen Aktienmarkt nicht ungerupft lassen wird. Um zusätzliche Liquidität zu schaffen, müßten einige Banken darangehen, einen Teil ihrer Effektenbestände zu Geld zu machen. Dies um so mehr – so argumentieren die "Vorsichtigen" –, wenn die Bundesbank im Herbst noch einmal an der Restriktionsschraube drehen sollte. Die von der Gemeinschaft zum Schutze der deutschen Sparer erneut zur Diskussion gestellte Aufwertung der D-Mark war Wasser auf die Mühle derjenigen, die dem deutschen Geld- und Kapitalmarkt schwere Monate prophezeien.

Nur wer mehr oder weniger kurzfristig an der Börse disponiert, wird sich mit diesen Argumenten herumschlagen müssen. Der langfristige Anleger interessiert sich weit mehr für das Konjunkturbild und für die Frage, wie die Gewinnerwartungen der Aktiengesellschaften sind. Zum letzten Punkt geben die großen internationalen Gesellschaften – wie jetzt Unilever und Philips – weitaus besser Auskunft als die deutschen Unternehmen, die zwar Umsatzziffern veröffentlichen, aber bei Zwischenberichten über Vierteljahres- oder Halbjahresgewinne sich ausschweigen. Bei deutschen Gesellschaften muß man deshalb weiterhin zwischen den Zeilen lesen. In einer kurzen Untersuchung über die mögliche Gewinnsituation in der deutschen Industrie kommt die Dresdner Bank zu dem Schluß: "Insgesamt liegt die Vermutung höherer Erträge nahe!"

Der Ansicht waren in der vergangenen Woche auch einige amerikanische Investoren, die ganz behutsam mit dem "Rückkauf" von Bayer-Aktien begannen. Dazu gehört Mut, denn durch das amerikanische Zinsausgleichsteuergesetz wird der Erwerb mit einer 15prozentigen Abgabe belastet. Das heißt, daß die Amerikaner die Bayer-Aktien erst dann wieder mit Nutzen verkaufen können, wenn ihr Kurs um mehr als 15 Prozent gestiegen ist. Sie verdienen also erst bei Bayer-Kursen von über 679 Prozent! In den USA ist man sich darüber einig, daß solche Kurse kaum in diesem Jahr und vielleicht auch noch nicht 1965 erreicht werden, aber für 1966 ist man optimistisch. Also eine Spekulation auf lange Sicht.

Ob sich die für 1964 zu erwartenden höheren Gewinne bereits in steigenden Dividenden niederschlagen werden, steht auf einem anderen Blatt. In dieser Hinsicht macht man sich auch keine großen Illusionen. Aufgestockte Ausschüttungen wird es vor allem dort geben, wo man sich die Placierung junger Aktien (mit möglichst hohem Ausgabekurs) erleichtern will. Aber schließlich ist für die Kursgestaltung nicht allein der ausgeschüttete Gewinn maßgebend. Zumindest ebenso wichtig ist der Reingewinn pro Aktie, berechnet aus den Ertragssteuern. Da das bessere Verdienen erst in diesem Frühjahr eingesetzt hat und außerdem noch Tariferhöhungen aufgefangen werden mußten, dürften die Abschlüsse für 1964 allgemein noch keine Sensationen bringen.