Sheldon und Eleanor Glueck: "Jugendliche Rechtsbrecher, Wege zur Vorbeugung" (Titel der amerikanischen Ausgabe "Delinquents in the making"); Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart; 202 Seiten, 22,– DM.

er deutsche Strafrichter und Staatsanwalt wird auf der Universität und in seinem Vorbereitungsdienst zu seinem Beruf ausgebildet, indem er Strafrecht lernt. Er muß die verschiedenen Formen der Täterschaft (Haupttäter, Anstifter, Gehilfe) definieren können; er muß das rechtliche Verhältnis der einzelnen Strafvorschriften zueinander, die sogenannten Konkurrenzen beherrschen lernen; er muß eine Formel für die Unterscheidung von Diebstahl und Unterschlagung bereit haben; er muß die neueste Rechtsprechung über die Wirkung eines Irrtums des Täters kennen. Das ist das Straf recht, nämlich die Frage, wie eine begangene Tat rechtlich zu qualifizieren ist.

Die Frage, ob und wie es möglich ist, dafür zu sorgen, daß weniger Taten begangen werden, hat in dieser Ausbildung kaum Platz. Man hält das hierzulande für eine Sache des abschreckenden Gesetzgebers oder für eine Sache des späteren Strafvollzugs. Die Wissenschaft über das Verbrechen, oder die Kriminologie, spielt eine Nebenrolle und hat in Deutschland noch keine über den akademischen Umkreis hinausreichende Methode gefunden.

Das hängt zusammen mit der leider vom Strafgesetzentwurf 1962 ausdrücklich festgehaltenen Auffassung, "Schuld" sei eine rational oder wissenschaftlich meßbare Größe. Ob man ohne den Schuldbegriff auskommen kann, soll hier nicht erörtert werden; vielleicht ist er ein Element des menschlichen Denkens, das zu unserem heutigen Kulturzustand gehört. Will man aber wissenschaftlich an die Frage der Verbrechensverhütung herangehen, so muß man die Schuldvorstellung beiseite lassen, weil sie die Ursachenforschung blockiert. Die Forschung nach den Ursachen der Kriminalität ist aber das erste und wichtigste Stück ihrer Bekämpfung. Diese Wissenschaft muß ihrem Wesen nach deterministisch und wertfrei sein. Den Anhängern der Willensfreiheit und den Moralisten kann in diesem Zusammenhang und in diesem Stadium das Wort noch nicht erteilt werden. Sie müssen sich, genaugenommen, damit begnügen zu sagen, daß das Verbrechen von der Schuld komme, so etwa wie die Armut von der Pauvreté.

Die Arbeit des Ehepaares Glueck ist ein bereits klassisches Stück jener in den Vereinigten Staaten von Amerika breit und systematisch betriebenen Ursachenforschung; sie ist im Jahre 1952 erschienen als Zusammenfassung des bahnbrechenden Werkes derselben Verfasser von 1950 "Unraveling juvenile delinquency".

Es handelt sich um den Bericht über eine Unternehmung, durch den Vergleich von 500 nichtkriminellen Jugendlichen von 11 bis 17 Jahren mit 500 bereits rückfälligen Jugendlichen, sich an mögliche oder wahrscheinliche Ursachen der kriminellen Entwicklung dieser Rückfälligen heranzutasten. Der wertvolle methodische Einfall dabei war folgender: Um den Kreis der im Einzelfall wirkenden Faktoren von Anfang an einzuengen, hat man diese Jugendlichen je paarweise nach etwa gleichem Alter, gleicher nationaler und rassischer Herkunft, gleichem Intelligenzgrad und vor allem aus dem gleichen sozialen Milieu gewählt, nämlich aus armem fürsorgebedürftigem Großstadtmilieu.

Das wird an einem Musterpaar Frankie (kriminell) und Jimmy (nichtkriminell) anschaulich demonstriert, beide aus italienischem Einwanderermilieu tiefster Schicht. Die Jungen im allgemeinen wurden nach den Eigenschaften und Vergangenheiten ihrer Eltern, nach den Umständen ihrer Familien, ihren ersten Gefühlsbeziehungen zu Eltern und Geschwistern, ihren ersten Auffälligkeiten, ihrem körperlichen und geistigen Wachstum, ihrem Verhältnis zur Schule, zu Spielkameraden, nach Freizeitbeschäftigung, nach dem Rorschach-Test und nach einer ganzen Reihe anderer Gesichtspunkte untersucht, jeweils von entsprechenden Fachleuten oder auf Grund objektiver Ermittlung.