Von Rudolf Hartung

Über den neuen Roman eines Autors zu schreiben, dessen einigermaßen umfangreiches Werk der Rezensent nicht kennt, hat etwas Mißliches, ja zuweilen Abenteuerliches. In Unkenntnis der vorausgegangenen Arbeiten vermag der Kritiker die Entwicklung des Schriftstellers nicht nachzuzeichnen, kann er den Stellenwert des neuen Buches nicht bestimmen. Ob der Autor in dem neuen Werk sich wiederholt oder ob er neue Wege einschlägt; ob er ein altes Thema wiederum variiert und vielleicht vertieft oder ob er in dem neuen Roman etwa formale Probleme nun besser als früher meistert: auf all diese Fragen kann ein Kritiker in einem solchen Falle keine Antwort geben.

Freimütig muß ich gestehen, daß ich mich angesichts des ersten in deutscher Sprache erschienenen Romans der amerikanischen Schriftstellerin Mary McCarthy in dieser bedauernswerten Lage befinde. Ich habe keinen der früheren Romane und keine der Sammlungen von Kurzgeschichten, Essays und Kritiken gelesen, welche die jetzt zweiundfünfzigjährige Autorin seit 1942 veröffentlicht hat. Meine Kenntnis beschränkt sich auf einen nicht übermäßig originellen Essay dieser prominenten Schriftstellerin über „Madame Bovary“ und auf ihre höchst anfechtbare Verteidigung des problematischen Eichmann-Buches von Hannah Arendt in der Partisan Review, in der ein kurioses Mißverständnis verblüffte: Die spitzfindige Apologetin wollte Eichmanns Ausspruch, er werde lachend in sein Grab springen, als freies Zitat eines Wedekind-Satzes verstanden wissen, obwohl er in Wahrheit etwas völlig anderes besagt. Auch war nur mit Kopfschütteln zu registrieren, daß Mary McCarthy das Eichmann-Buch ihrer Freundin für ein Kunstwerk hält, das als Kunstwerk, kraft seiner Form, dem Leiden des Judentums einen Sinn gegeben habe.

Der in Deutschland wahrscheinlich weitverbreiteten Unkenntnis des literarischen Werkes von Mary McCarthy soll nun abgeholfen werden; als erstes brachte der deutsche Verleger den im Vorjahr publizierten Roman

Mary McCarthy: „Die Clique“ (Originaltitel: „The Group“), aus dem Amerikanischen von U. v. Zedlitz; Verlag Droemer-Knaur, München/Zürich; 440 S., 20,– DM

heraus, dem im Vorjahr ein sensationeller Erfolg beschieden war. Gleichzeitig mit dem Roman erschien als Broschüre der „Versuch eines Porträts“ Mary McCarthys von Helmut Heißenbüttel, welchem ein Interview der Autorin mit der Paris Review beigegeben ist.

In diesem gescheiten, das Objekt da und dort freilich auch verfehlenden „Porträt“ zählt Heißenbüttel den Roman „Die Clique“ zu den „großen und unübersehbaren Werken der Epoche“. Was ein „unübersehbarer“ Romanist – der Porträtist dürfte ja wohl nicht nur an die Bestseller-Listen gedacht haben –, wage ich nicht zu entscheiden. „Groß“ indessen wäre der gewiß bravouröse Roman nicht eigentlich zu nennen: Er ist keck, in vielen Einzelszenen überaus amüsant und geistreich – vom Erkenntnisertrag des Buches wird noch zu reden sein –, aber er bedeutet so gut wie nichts in der Geschichte des modernen Romans, und er trägt bei aller Ausführlichkeit zum tieferen Verständnis der amerikanischen Wirklichkeit kaum etwas bei.